28.06.06 // Wo bleibt die neue Professionalität?

Webseiten erstellen kann jeder. Die Werkzeuge HTML und CSS liegen als freie Standards auf dem Tisch, jeder kann sie benutzen. Aber es gilt auch, mit diesen Werkzeugen umgehen zu lernen.

Gerade dies fällt Anfängern noch schwer, sie haben nicht die Techniken, die es braucht um mehr zu schaffen als Tabellen- oder Framelayouts oder WYSIWYG-Umsetzungen. Das alles ist Webdesign nicht.

In den meisten Ländern gibt es keine klassische Ausbildung zum Webdesigner. Von einer umfassende Ausbildung ganz zu schweigen. Webdesigner sind zu 98% entweder Grafik-, Printdesigner oder Webemenschen. Manche haben auch garkeinen gestalterischen Hintergrund.

Und Sohn/Tochter des Nachbarn ist nicht wirklich eine Qualifikation.

Das soll jetzt aber nicht bedeuten, dass 98% aller Webseitenbauer keine Ahnung vom Webseitenbauen haben. Im Gegenteil. So mancher Tabellenbauer wird beim Bauen seiner Tabellenlayouts effizienter sein als ich mit meinem CSS. Aber auch nur solange, bis das Redesign kommt.

Andererseits zählt für einen Kunden meistens nur das Ergebnis. Der Weg ist egal. In sofern ist also das Ziel das Ziel, oder. Heißt das nun, dass wir Webstandards vergessen können. Jahre der Missionarsarbeit – dahin?

Nein. Gerade jetzt ist es an der Zeit die Menschen an der Hand zu nehmen und ihnen zu zeigen, dass der Weg der Webstandards der richtige ist. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo wir Webdesigner uns emanzipieren können.

Wenn ein Kunde uns sagt “Mach eine Webseite für mein Unternehmen!”, dann machen wir eine Webseite für sein Unternehmen. Und natürlich soll – nein! muss! – diese auf Webstandards bassieren, denn das ist zukunftsfähig.

Lieber Unternehmer: Kümmern Sie sich um Ihre Firma. Um Ihre Webseite kümmern wir uns.

So macht jeder das, was ihm am Besten liegt, das was er am Besten kann. Dazu ist es aber wichtig, dass sich der Unternehmer auf uns Webdesigner verlassen kann. Dazu brauchen wir Webdesigner mit einer Ausbildung. Oder zumindest mit einem Gütesiegel. Denn durch die Weiten des Internets sind wir alle gleich vor unseren Auftraggebern. Und dabei sitzt manchmal nur der Sohn des Nachbarn hinter dem rechner und “verkauft” “professionelle Internetseiten”.

Kommentare ()

  1. Link zu diesem KommentarNicolai Schwarz

    28. Juni 2006, 23:53 Uhr

    Ich sehe das mittlerweile sehr viel entspannter. Zu mir kommen immer öfter Kunden, die sagen: “Eigentlich wollte das der Neffe meiner Nachbarin machen, aber der bekommt das nicht hin.”

    Ich denke, Qualität setzt sich durch. Dauert nur etwas. Eine Ausbildung sagt alleine nicht viel aus. Da kommt es nämlich sehr darauf an, was für Dozenten die Leute erwischen.
    Gerade für Webdesigner gibt es so wahnsinnnig viele gute Artikel im Netz, da kann man sich alleine schneller, billiger und effektiver weiterbilden als mit einer 08/15-Ausbildung. Wenn man reinhängt zumindest.

    Was ich nach wie vor nicht nachvollziehen kann ist der vermeintlich große Vorteil von Webstandards beim Redesign. Den Vorteil gibt es wirklich nur dann, wenn die Inhalte gleich bleiben. Und ich habe so einen Fall bei meinen Redesigns für ganz kleine Firmen nie gehabt. Da wurde immer gleich so viel am Inhalt mit geändert, dass ich wieder bei Null angefangen habe.

  2. Link zu diesem KommentarEric

    29. Juni 2006, 00:49 Uhr

    Also, wenn man das Markup nahezu beibehalten kann und nur das CSS abändert gibt es sicherlich ein großes einsparpotential, gerade bei Seiten, die ihre Daten behalten. In Zeiten von CMSen ist das sicherlich nur ein sekundäres Merkmal pro Webstandards, aber bei kleinen, statischen Seiten kann es ausschlaggebend sein.

    Zur 08/15-Ausbildung stimme ich dir zu, VHS-Kurse “Wie gestalte ich meine eigene Seite” sind sicherlich nicht die geeigneten Ausbildungen. Wenn unser (naja, euer) Beruf aber aus dem Schattendasein heraustreten soll braucht es auch einheitliche Regeln un Richtlinien für die Ausbildung. Die hat jeder Automechaniker. Zudem muss das Niveau insgesamt glaube ich ein wenig angehoben werden, ich finde es beispielsweise schade, dass es in Deutschland (oder generell im deutschsprachigen Raum) keine großen Konferenzen für Webentwickler gibt.

    Ich hör aber jetzt auf zu schreiben, sonst wird es nur noch Stuss. Habe die ganze Zeit dieses verdammte Snookerlied im Kopf”...

  3. Link zu diesem KommentarMathias

    29. Juni 2006, 00:59 Uhr

    Was mich immer wieder erschreckt ist der Preis. Sogenannte Web-Agenturen lassen sich Tausende (!) von Franken bezahlen für einen Webauftritt, von dem man genau sieht, dass die Typen ca. 3 Stunden beschäftigt waren. Das ganze sieht zwar einigermassen erträglich aus und validiert sogar (oh Wunder!), aber es ist nunmal ‘out of the box’ und die Wahrscheinlichkeit, dass eine zweite Site auftaucht, die der eigenen ziemlich ähnlich sieht, geht gegen 1.

    Sauerei! Von wegen Professionalität!

  4. Link zu diesem KommentarJens Meiert

    29. Juni 2006, 11:39 Uhr

    So einfach ist das Thema aber nicht. In unsortierten, teilweise voneinander abhängigen Punkten:

    Eine Ausbildung oder ein Studium erfordert erstmal die Definition der zu vermittelnden Inhalte. Keine triviale Geschichte, da sie tausende Fachbereiche (Design, Technologien, Barrierefreiheit, Typographie, SEO, Usability, Journalismus, Psychologie, Soziologie, Marketing…) in tausenden Ausprägungen umfasst.

    Eine Ausbildung oder ein Studium könnte ein “Gütesiegel” bergen, aber dies vernachlässigt einen entscheidenden Punkt, nämlich Erfahrung. Egal ob Titel, Siegel oder Auszeichnung, diese darf nicht durch falsche Motivation, unzureichende Kenntnis und/oder mangelnde Erfahrung schon zu Beginn unterminiert werden.

    Eine Ausbildung oder ein Studium muss auch allgemeine Punkte beinhalten, um die Discipuli “über den Tellerrand” blicken zu lassen; gleichzeitig sind auch Spezialisierungen denkbar. Es müsste (?) oder könnte also eine ganze Reihe von Ausbildungs- und Studiengängen geben.

    Unsere Arbeit ist viel weniger “Meinungssache” als weitläufig angenommen. Aufgrund der Verbreitung, dass manche Dinge in unserer Branche “Meinungssache” sind, sehe ich erstmal einen Bedarf nach einem “Paradigmenwechsel”.

    Ebenso wie diese “Meinungsgeschichte” noch so weit verbreitet sind, ist dies auch die Annahme (qed), dass so mancher Tabellenbauer wird beim Bauen seiner Tabellenlayouts effizienter sein als ich mit meinem CSS – ich kann zwar nicht sagen, ob dass in deinem Fall, Eric, wirklich so ist, aber in der Regel wird ein erfahrener “Standardista” jeden selbst wenn halbwegs versierten “Tabellenbauer” in jedem Bereich, auch in der Zeit der Umsetzung, schlagen.

    “Webdesign” unterliegt durch die Popularität des Mediums, der doch gewissen Einfachheit der “Technologien” (HTML, CSS) sowie der Verfügbarkeit teils kostenloser WYSIWIG-Editoren zwei ganz natürlichen und unausweichlichem Problemen: Jedes Individuum meint, es sei ein Designer und kann alles selbst (und “gut”) machen, und viele Unternehmen springen darauf an, was absolut verzerrend ist. In einer Welt, wo alle eine Glatze wollen, kann sich jeder selbst mit einer Haarschneidemaschine die Haare wegmachen – aber als Friseur darf man sich dann wohl kaum bezeichnen. Genau das aber ist unser Problem – alle schimpfen sich gleich Friseur, wenn sie sich mal mit der Pinzette ein Haar entfernt haben, und Unternehmen fallen darauf rein. Das Friseurhandwerk wäre dann genauso “kaputt” wie unseres. (Ja, in gewisser Hinsicht ist es das, wenn auch “natürlich” bedingt.)

    Eigentlich sollten sich Unternehmen nicht damit befassen, welche Technologien und Grundsätze man wann wie wo weshalb einsetzt, sondern sich in der Gewissheit wiegen, dass die Arbeit “gut” ist (benutzbar, zugänglich, performant, zielführend, wartbar…), ergo ihre Ziele erreicht werden (sofern sie diese kennen…). Eigentlich analog zum KFZ-Gewerbe – mich schert es nicht, wie mein Auto womit weshalb funktioniert, solange ich weiß (...das Gefühl habe), dass mein Auto funktioniert und alles einwandfrei ist. (Interessanterweise geben die Leute eher zehntausende Euro für ein Auto aus, das sie nicht mal zu 5% verstehen, aber bei einer Investition von hunderten/tausenden Euro mischt man überall mit. Anderes Thema mit anderen Hintergründen.) Hinkender Vergleich und eine Idealvorstellung, klar, aber der Punkt wird vielleicht trotzdem deutlich. Nur in unserer Branche gibt es eine derartige Verquickung, dass sich Kunden so sehr in die erworbene Dienstleistung einmischen, und der Dienstleister dies auch noch zulässt. Zulassen muss, wegen all der konkurrierenden Zipfel drumherum.

    [...]

    Ist trotz der Länge nicht umfassend, aber ich veröffentliche Artikel eigentlich auch nicht auf fremden Seiten, zumindest nicht ohne Salär ;)

  5. Link zu diesem KommentarPeter Labjuhn

    4. Juli 2006, 07:41 Uhr

    Als blutiger Laie, der immer noch Lernt und dazulernen will ! Das Problem lässt sich nur durch einen Zusammenschluss mit Richtlinien lösen.Siehe Inmobilienmakler oder sonstige Zertifikatsvereine.