Hochmut kommt vor dem Fall und genau vor dem stehen die Macher des StudiVZ. Aus dem Ziel die Studenten verschiedener Hochschulen besser zu verknüpfen gestartet hat sich das StudiVZ zu einer Datenschleuder gewandelt, die die Welt selten gesehen hat.
Klar ist auch, dass viel Venture-Capital in diesem kleinen Unternehmen drin steckt, unter anderem von Holtzbrinck und von den Samwer-Brüdern. Und wenig Geschäftsintelligenz – genauer gesagt gar keine.
Da lässt sich Mit-Gründer Ehssan Dariani beim erfolglosen Anbaggern Belästigen zweier Frauen in der U-Bahn filmen und bei YouTube einstellen. Oder es zeigt ihn (im ähhh… Gespräch) mit einer Frau auf der Toilette irgendeines Clubs. Ob der Veröffentlichung zugestimmt wurde darf bezweifelt werden. Die Damen wissen wahrscheinlich überhaupt nichts von ihrem „Glück“ mit einem der „größten“ Jungunternehmer geredet zu haben. War bei dem Verhalten ja auch nicht unbedingt zu erkennen.
Okay, Dariani ist 26 und man kann ihm jugendliche Naivität im Umgang mit seinem Leben in der Öffentlichkeit vorwerfen. So veröffentlichte er beispielsweise eine Einladung zu seiner Geburtstagsparty, die dem „Völkischen Beobachter“, einem Nazi-Propagandablatt, nachempfunden war. Statt Hakenkreuz fand sich das StudiVZ-Logo im Kopf der Seite. Ironie war keine erkennbar. (Auch wenn es sich bei Dariani um einen iranischstämmigen Deutschen handelt und ich ihm kein rechtes Gedankengut unterstellen will ist so eine Publikation mit Firmeninsignien alles aber nicht geschickt.)
Das ist aber nicht alles: Wie Don Alphonso berichtet liegen die Bilder, auch von privaten Photoalben, einfach so auf den Servern herum. Wenn die Adresse des Bildes erstmal bekannt ist kann es jeder sehen, egal ob beim StudiVZ angemeldet oder nicht.
Und dann gibt es die mysteriöse Gruppe „*****“ (Don Alphonso, Blogbar.de, inklusive 590 Kommentare), die sich zur Aufgabe gemacht hat „wirklich fotogene Frau[en]“ im StudiVZ zu finden und deren „Vor- und Nachnamen sowie die jeweilige Uni“ im zugehörigen Forum anzugeben. Über den Trick mit den Bildern wurden diese gleich mit eingefügt. Teilweise wurden sogar Studentenheime der Frauen angegeben. Eine perfekte Spielwiese für Stalker (über 700).
Naja, alles halb so schlimm. Die Gruppe schließt man, dann ist erstmal Ruhe und man hält die Augen auf um so etwas im Keim zu ersticken. Denkste. Aus einer E-Mail an einen der Gruppenleiter: „Ne, ernsthaft: die Inhalte deiner Gruppe sind absolut okay – es geht ja quasi nur um einen Fotocontest und nicht um irgendwelche Beleidigungen, allerdings sieht die Beschreibung der Gruppe [...] sehr danach aus. [...] Kannst du die Beschreibung der Gruppe [...] ändern und diese – naja, sagen wir ‚pornographischen Elemente’ – entfernen.“ Und als ob dies nicht genug wäre gibt es auch ein Post Scriptum, welches euch nicht vorenthalten werden soll: „Einer unserer Gründer (Michael BXXXXXX) hätte übrigens gern eine Einladung für die Gruppe – Ich würd mich dann da auch anschließen ;-)“.
Der Gruppenchef findet die Anregung Fotocontest zu schreiben „irgendwie witzlos“. Ich finde die Gruppe witzlos. Der StudiVZ-Mitarbeiter ist übrigens mittlerweile Mitglied der Gruppe. Zudem scheinen zahlreiche Beiträge im Forum der Gruppe gelöscht worden zu sein – denn sie wissen, was sie tun.
All das, vor allem die Probleme, die das StudiVZ mit dem Datenschutz hat und wie es auf Kritik reagiert lassen nur einen Schluss zu: Es hat versagt, auf ganzer Linie. Und das als billige Kopie des amerikanischen Facebook. Ich persönlich werde jetzt Abschieds-Mitteilungen schreiben und anschließend mein Profil löschen. Und ich empfehle jedem das selbe zu tun.
Beim Kollegen von Beissreflex gibt es eine Chronologie der Ereignisse. Und Don Alphonso ist in einem Anti-StudiVZ-Rausch und wird in den nächsten Tagen noch so einige Dinge ans Licht bringen, glaube ich.
Jeriko One hat übrigens folgende Weihnachtskarte entworfen, die ich sehr gelungen finde.

UPDATE: Mein Profil sieht jetzt so aus: Mit allerlei Hinweisen auf blogbar.de :)
Mal schauen, wann die Zensur bei mir ansteht und mein Profil gelöscht wird. Ich geh derweil mal gruscheln.
Kommentare ()
hep-cat.de
26. November 2006, 12:57 Uhr“Ich persönlich werde jetzt Abschieds-Mitteilungen schreiben und anschließend mein Profil löschen. Und ich empfehle jedem das selbe zu tun.”
Hoffentlisch sind aussagekräftige Links in Deinen Abschiedsmails vorhanden, schließlich sollten Deinem Vorbild andere folgen.
PS: Vergiss nicht nochmal die Gründer kräftig zu gruscheln!
Markus
26. November 2006, 14:00 UhrGlückwunsch zu diesem Schritt. Ich habe mich auch schon länger gefragt, was mir das StudiVZ eigentlich bringt. Neue Freunde finde ich auch lieber persönlich auf meinem Campus. Im Endeffekt brachte es also nicht wirklich was.
Ja, man kann sich sehr schön über Leute informieren, die man eigentlich noch garnicht so gut, oder garnicht, kennt. Deshalb wir in meinen Kresien auch gerne der Name “Spionagenetzwerk” benutzt.
Die Meldungen der letzen Wochen, sei es Spiegel-Online, oder wo auch immer, haben mich auch mehr und mehr dazu bewegt, darüber nachzudenken, das System zu verlassen. Dein Artikel bringt mir schon wieder neue negative Aspekte am Netzwerk. Ich werde nun erneut darüber nachdenken auszusteigen.
Eric
26. November 2006, 14:52 UhrEs heißt ja teilweise schon “StasiVZ”, was ein unheimlich treffender Name ist, finde ich.
@hep-cat.de: „aussagekräftige Links in Deinen Abschiedsmails“ Deshalb schreibe ich Abschiedsmails :)
Ramona
27. November 2006, 23:04 UhrAuch von mir Glückwunsch zu deiner Entscheidung, das StudiVZ zu verlassen.
Leider ist das StudiVZ im Moment wegen Wartungsarbeiten nicht erreichbar. Sobald (bzw. falls) es wieder funktioniert, werde auch ich Abschiedsmails schreiben und aussteigen.
Ramona
28. November 2006, 10:43 UhrIch bin endlich auch raus!
Ehrlich gesagt, ich war schon etwas geschockt, als ich von den “Sauereien” im StudiVZ gehört und gelesen habe. Andererseits denke ich, es ist schon ein bisschen naiv seine Daten in solchen Internetportalen in Sicherheit zu wägen.
Ich hoffe, dass noch viel mehr Leute mitziehen und das StudiVZ verlassen! Dann käme Herr Dariani vielleicht endlich runter von seinem hohen Ross.
Meine Abschiedsmails sind jedenfalls geschrieben.
P.S.: Tolle Weihnachtskarte!