Nils Pookers Buch „Der erfolgreiche Webdesigner“ (Amazon-Partnerlink) ist anders und das ist gut so. Es geht nämlich nicht um irgendwelche HTML- und CSS-Tipps, die man sowieso schon irgendwo mal irgendwie gesehen hat und die seit 2003 auch nicht mehr wirklich als neu zu bezeichnen sind, sondern um Kommunikation.
Nils kann kommunizieren. Das merkt man an jedem Satz, an jedem Vergleich und jeder Metapher, die er benutzt. Nils weiß was er tut und so beschäftigt sich das Buch mit der Kommunikation zwischen Webdesigner und Kunde und gibt dazu Hilfestellungen, wie man mit vermeintlich schwierigen Kunden (die es ja gar nicht gibt) umgehen kann und wie man herausfindet was der Kunde eigentlich wirklich will.
„Ersparen Sie Ihren Kunden billige Telefonverkäufertricks, die kennt er nämlich schon. Geben Sie lieber zu ihren Erfahrungswerten noch etwas Zeit dazu – Ihr Kunde wird sich freuen, wenn es dann schneller geht.“ „Der erfolgreiche Webdesigner“, Seite 260
Dazu stellt Nils gleich noch eine Checkliste zusammen, einen Gesprächsleitfaden. Mit diesem ausgestattet kann man dann als potenziell erfolgreicher Webdesigner viel konzentrierter in ein Kundengespräch hineingehen, ohne die Angst zu haben danach einen wichtigen Aspekt vergessen zu haben. Zudem sind die Fragen so aufeinander aufgebaut, dass sie auch dem (potenziellen) Kunden einen Einblick in die Komplexität des Webdesigns geben ohne ihn mit Fachbegriffen zu überhäufen.
Überhaupt: Fachbegriffe nur behutsam zu verwenden sollte uns allen geläufig sein. Nils geht den Schritt so weit, dass alles was er sagt vom Kunden verstanden werden soll, zumindest aber erläutert oder gar per Handout erklärt wird. Das ist vorbildlich und findet hoffentlich dank des Buches viele Nachamer.
„Ein professioneller Webdesigner gleicht damit heute der modernen Form von Goethes Faust, der sich angesichts seines angehäuften Wissens doch ständig am Anfang deiner Fragen wähnt und ständig der Versuchung unterliegt, schnelle und bequeme Wege zu gehen.“ „Der erfolgreiche Webdesigner“, Seite 28
Im Abschnitt „Grundlagen für eine erfolgreiche Selbstständigkeit“ werden alle Aspekte der selbstständigen Tätigkeit beleuchtet, inklusive Bankgespräche, Steuerberatung und Businesspläne.
Der Schreibstil ist locker und anschaulich gehalten, nicht selten mit Spitzen gegen Browser aus Redmond. Trotz dieser amüsanten Anmerkungen wird das Buch nie lächerlich, Nils beherrscht den Seiltanz zwischen Ernst und Witz mit traumwandlerischer Sicherheit, wodurch keine Langeweile aufkommt.

Es gibt aber auch Dinge, die mir nicht so gut gefallen haben: Das Buch fast zwei Kapitel zu lang. Teil IV, „Erfolgreiche Projekte – Planung, Management und Systeme“ mit den Kapiteln 8, „Webstandards“ und 9, „Usability und Accessibility“ passt nicht wirklich zum Rest des Buches. Plötzlich wird es technisch, die Geschichte der Webstandards wird ungefähr aus dem Jahr 1996 erzählt, inklusive Tabellenlayouts und 1px-GIFs. In nichtmal 2 Seiten wird über WYSIWYG-Editoren drübergefegt, inklusive der Erwähnung von nicht mehr so ganz aktuellen Programmen wie Adobe Pagemill. Das ganze ist eine nette Retrospektive, aber nichts, was ein erfolgreicher Webdesigner wissen muss, der heute erfolgreich sein will.
Die Begründung Webstandards zu verwenden ist hingegen sehr gut und einleuchtend geschrieben, gute Beispiele machen Webstandards zu einem „Must-have“. Nicht begeistert bin ich aber davon wie Nils bei den praktischen Beispielen dann Elemente und Tags gleich setzt und dann doch vermischt. Wenn man keine Ahnung von der Materie hat, dann wird man von dieser Passage verwirrt anstatt etwas dabei zu lernen. Gerade bei einer kurzen Zusammenfassung hätte ich mir da mehr Konsistenz und Klarheit gewünscht.
Ähnliches gilt auch für Kapitel 9: Usability wird in zwei Seiten abgefrühstückt, obwohl das meiner Meinung nach zu den Kernkompetenzen eines Webdesigners gehört, der Teil über die Accessibility ist in Ordnung. Weshalb aber visuelle Konzeption (Grafische Layouts, Online-Styleguides, HTML-Prototypen), technische Konzeptionierung und das Texten fürs Web auch unter Accessibility behandelt werden verstehe ich nicht. Hier hätte ich mir einerseits mehr Umfang und mehr praktische Information gewünscht. Das letzte Kapitel wirkt wie eine Zusammenstellung aus dem Bereich „Was mir sonst noch so einfiel.“ und passt damit nicht wirklich in das ansonsten vorbildliche Buch.
Fazit
Das Buch bekommt von mir trotzdem die volle Punktzahl, 5 von 5 Punkten. Warum? Die Aspekte der Kundenkommunikation sind sehr gut herausgearbeitet und die Checklisten sind Gold wert und auch mit dem Preis für das Buch wohl nicht aufzuwiegen. Am Rand dieses Schwerpunkts gibt es dann eine gewisse Unschärfe, die man aber verzeiht, man kauft das Buch eben nicht um Webstandards zu lernen.
Die beigelegte DVD enthält neben den Checklisten auch “Nils Vortrag vom TechTalk, den man aber auch im Internet findet sowie Previews von Galileo-Videotrainings. Vielleicht sollte man sich daher die Kosten für die DVD-Produktion sparen und auf ein Download-Pack setzen, sind die Checklisten-Dokumente doch insgesamt gerade mal 1,6 MB groß.
Das Buch gehört in den Schrank eines jeden professionellen Webdesigners, gerade wenn man mit dem Gedanken spielt sich selbstständig zu machen hilft das Buch einzuordnen ob man es wirklich will oder lieber auf dem Angestellten-Weg bleibt.
Hinweis: Nils Pooker und ich sind Redakteure bei den Webkrauts, ich erhielt ein kostenloses Rezensionsexemplar. Ich habe es nicht verlost.
Kommentare ()
Micha149
13. Januar 2009, 11:54 UhrWas für eine Rezension (nicht mit Rezession zu verwechseln). Momentan bin ich nicht Selbständig und das ist auch gut so. Trotzdem werde ich mir das Buch kaufen um vielleicht sogar etwas über die Kundenkommunikation zu lernen. Ich bin gespannt!
Nils Pooker
13. Januar 2009, 12:33 UhrVielen Dank für die sehr gute und sehr objektive Rezension. Du hast übrigens genau die Schwächen gefunden, die ich selbst billigend in Kauf nehmen musste. Es waren aber weniger Gründe des “kann man auch mal sagen”, als “dann eben nicht 2011 fertig werden”. Abgefrühstückt ist leider korrekt, aber angesichts des täglichen Grauens im Web wollte ich dann einfach nicht auf Rudimentärinfos verzichten.
Elemente und Tags: hoppla, die habe ich offensichtlich genauso kreativ verwurschtelt wie das in diesen Zeiten viele Unternehmen mit “Gewinn” und “Verlust” machen. Wird bei eventueller zweiter Auflage korrekt und klarer differenziert.
Und schön, dass mein Buch auch weiterhin Dein Bücherregal zieren darf…
Peter
13. Januar 2009, 19:16 UhrDie Intention warum Nils Themen wie grafische Layouts, Online-Styleguide, Prototypen und Konzeption mit hineingenommen, kann ich schon verstehen.
Einfaches Beispiel:
Kleine bis mittelgroße Agenturen arbeiten ja zum Teil mit Partnern zusammen. Oder Die Agentur lässt das Frontend von einem Freiberufler erstellen. Die klassische Kommunikations-Agentur macht das Konzept und die Grafik, und die Webagentur (o. d. Freiberufler) übernimmt die Umsetzung. Wenn jetzt aber die Grafiken nicht wirklich Barrierefrei umgesetzt werden können, haben wir schon mehrere Probleme. Die Grafik ist vom Kunden angenommen und die Webagentur steht vor dem Dilemma, die Layouts in HTML zu verpacken. Funktioniert nicht wirklich, wenn zum Beispiel die Kontraste zu schwach sind. O.k. jetzt könnte man wieder beim Kunden vorbeischauen und sagen, Sorry uns ist ein Fehler unterlaufen, die Layouts können nicht barrierefrei umgesetzt werden.
Wenn die Kommunikation zwischen beiden Partnern gut läuft, wird die Kommunikationsagentur bereits in einer sehr frühen Phase den Partner als kritisches Auge mit einbeziehen.
Das Beispiel ist weit hergeholt, bestimm nicht. Es gibt ja nicht umsonst so viele angeblich barrierefreie Webseiten die nicht mal die Mindestanforderungen erfüllen. Schauen wir uns doch nur den Relaunch der SPD an. Zum Teil in einigen Punkten nicht sehr glücklich umgesetzt. Bereits in der Konzeption und der grafischen Umsetzung können, viele Fehler gelegt werden, die nur in Kompromissen enden. Und ein Kompromiss soll ja Barrierefreiheit nicht sein.
Ein Styleguide ist neben Schulungen eines der wichtigsten Instrumente um die Nachhaltigkeit sicherzustellen. Es finden sich noch einige Punkte mehr warum grafische Layouts, Online-Styleguide, Prototypen und Konzeption ein Bestandteil in der Umsetzung einer barrierefreien Website sein sollten. Dies muss natürlich im Kontext der Anforderungen und Richtlinien gesehen werden.
Eric Eggert
13. Januar 2009, 21:36 UhrAlso ein HTML-Prototyp ist doch keine Voraussetzung für Accessibility, andersrum wird ein Schuh draus. Ein HTML-Prototyp hilft ja auch nicht nur bei der Accessibility sondern auch bei Usability, Interaktion und Design.
Peter
13. Januar 2009, 22:37 UhrWo drückt denn der Schuh. Ein HTML-Prototyp unterstützt einen Prozess und kann in verschiedenen Phasen und Disziplinen zum Einsatz kommen.
Eric Eggert
13. Januar 2009, 23:42 UhrIch gehe davon aus, dass du das Buch gelesen hast, dann wird dir auch aufgefallen sein, dass es ganz am Ende und nur als Unterpunkt schnell eingeschoben würde, das finde ich ungeschickt und hätte ihm mehr und prominenter Platz eingeräumt. Das es ein wichtiges Thema ist, darüber sind wir uns doch alle einig, oder?
Peter
14. Januar 2009, 07:50 UhrNein, ich habe das Buch bisher noch nicht gelesen, bisher nur überflogen. Daher war mein erster Kommentar auch mehr ein gedanklicher Einwurf und keine Ergänzung zu deiner Rezension. Das dies ein wichtiges Thema ist, bleibt unbestritten. Auch wenn es in dem Buch nur ein Unterpunkt ist, wird ein neugieriger und guter Webdesigner sich auch mit diesen Themen stärker beschäftigen. Ich will es zumindest hoffen. Nehmen wir dies einfach als Hinweis, hier sind Punkte mit denen man sich als erfolgreicher Webdesigner auseinandersetzten sollte. Über den eigenen Tellerrand schauen und interdisziplinär zu denken schadet je keinen, ganz im Gegenteil.
Mirko
15. Januar 2009, 12:57 UhrIch muss mich Eric anschließen, besonders die letzten Unterpunkte lösten in mir große Fragezeichen beim Lesen dieses ansonsten großartigen Buchs aus. Das Thema Usability hätte in meinen Augen einen umfangreicheren Platz und einen anderen Ort (weiteres Buch?) verdient. Auch an anderen Stellen hat sich für mich hier und da der strukturelle Aufbau nicht ganz erschlossen. Ein bisschen übrigens wie beim Video-Vortrag (Zeitnot kann kein gutes Zeichen sein).
Meinem Lesespaß mit diesem Buch hat dies aber keinen Abbruch getan. Selten habe ich so viel geschmunzelt, gelacht, mich und meine Kunden ertappt gefühlt. Und wieder so viel dazu gelernt. Der kommunikationswissenschaftliche Hintergrund und die großer Erfahrung ist in jeder Checkliste zu spüren.
Meine persönliche Anekdote zum Thema, wie normalsterbliche das Gewerbe “Webdesign” wahrnehmen, spiegelt sich übrigens in einem Kommentar eines ehemaligen Vermieters wieder:
“Webdesign. Mh. Ja, heutzutage kann man ja aber auch in den Mediamarkt fahren, sich zwei drei Programme kaufen und alles selbst zusammen klicken. Oder?”. Ja. Oder.
Gratulation zu diesem Buch, übrigens eine schöne Rezension. Ich hoffe, Galilieopress hält mich bei Aktualisierung auf dem Laufenden.
Nils Pooker
15. Januar 2009, 15:16 UhrDie Zusammenlegung der visuellen Konzeptionierung zum Kapitel Usability und Accessibility ist in der Tat unglücklich, thematisch nicht wirklich nachzuvollziehen und eher den Kapitellängen und der Buchstruktur geschuldet als den Inhalten. Stimmt. Ein Buchprojekt muss aber auch irgendwann mal aus verschiedenen Gründen abgeschlossen werden. Die Unschärfe und großen Fragezeichen, die Eric und Mirko angesprochen haben, waren – zumindest in dieser ersten Auflage – ein auch für mich notwendiges Übel, ein Kompromiss eben. Das nächste Mal wird es klarer und umfangreicher, versprochen ;-)
Christoph
31. Januar 2009, 12:06 UhrDie letzten Kapitel passen überhaupt nicht zum Rest des Buches. Es wäre besser gewesen, den letzen Teil rauszulassen und explizit ein Buch über Kommunikation zu schreiben. Denn die Themen Standards, Usability und Accessibility reichen für ein eigenes Buch. Statt einen 750-Seiten-Wälzer hätte man dann 2 handlichere Bücher, die je nach Bedarf auch unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.