Nicht nur ich habe das schon oft erlebt, und es kommen auch andere Frontend-Webdesigner auf mich zu und erzählen die immer gleichen Geschichten: „Es ist nicht genug Budget für ordentliches Webdesign da!“ oder „Ich muss es pixelgenau so umsetzen wie der Grafiker das macht, dabei eignet sich sein Layout gar nicht.“ oder „Der Kunde verlangt Dinge, die sich einfach nicht gehören, das sieht total unprofessionell aus“.
Nun wäre es weder sinnvoll noch zielführend, wenn der Frontender die Hoheit über alle Aspekte eines Webprojekts hätte. Dennoch gilt: Er wurde wegen seiner Expertise ausgewählt und sollte zumindest angehört werden, wenn es um Streitfragen geht. Im Gegenzug ist es aber für ihn nicht akzeptabel Arbeit abzuliefern, die nicht seinen Qualitätsstandards entspricht, weil das gewählte CMS keinen guten Code unterstützt oder der Kunde die Vorstellung hat, dass überall scrollende Texte funktionieren.
In solchen Fällen empfehle ich, sich entweder durchzusetzen oder (geordnet) aus dem Projekt auszusteigen. Für was man sich letztlich entscheidet ist eine Frage der Wichtigkeit des Projekts, also ob es sich wirklich lohnt. Das hängt nicht nur von der Vergütung ab (die sollte die geringste Rolle spielen), sondern wie stark die eigenen Nerven bei einer Auseinandersetzung und anschließenden Umsetzung strapaziert werden würden und wie wichtig das Projekt für einen selbst/das Portfolio ist.
Entscheidet man sich für den Streit, so sollten alle Argumente gegen das Screendesign schriftlich und nachvollziehbar zusammengefasst werden und nach dem persönlichen Gespräch (sofern ein solches überhaupt stattfindet) auch schriftlich überreicht werden. Das kann zum einen dazu führen, dass sich der Auftraggeber mit den Argumenten noch einmal auseinander setzt, auch wenn das Gespräch ergebnislos verläuft. Andererseits kann er damit auch gegenüber seinem Grafiker auftreten und argumentieren.
„Potentieller Kunde schickt uns einen selbstgebastelten Screenshot. So soll es aussehen. Hobby-Site aus den 90ern. Werde die Sache absagen…“ Nicolai Schwarz (via Twitter)
Fällt die Entscheidung gegen die Auseinandersetzung, so sollte man ebenso souverän auftreten und darlegen, weshalb eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist. Gerade bei Agenturen, die ihren Kunden schöne Bilder zeigen und dann nur einen Codemonkey beauftragen, der irgendwie schnell und billig HTML und CSS (und möglichst barrierefrei und als CMS-Vorlage) zusammenbaut. Das kann manchmal lukrativ und stressfrei sein, manchmal nervenaufreibend, weil der Grafiker keine unterstrichenen Links haben will oder keine Indikatoren beim Überfahren mit der Maus vorgesehen sind. Oder weil der Grafiker denkt, dass Text in einer 400×250 Pixel großen Box mit Scrollbalken sei gut zu lesen.
Hier ist es unsere Aufgabe wirklich konsequent „Nein“ zu sagen und dadurch auch Industrieweit das Qualitätslevel anzuheben, wir müssen gemeinsam klar machen, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer „Webseite“ und einer „qualitativ hochwertigen Webseite“. Dann sind auch die Budgets für gute, barrierefreie Seiten da. Wenn wir sie nicht fordern, dann werden sie nie dort sein, wo sie nötig sind.
Und wenn ein Grafiker mal wieder schlechte, nicht webgerechte Arbeit abliefert, dann müssen wir bessere Arbeit einfordern und im Zweifelsfall auch aus dem Projekt aussteigen. Das solte natürlich auch in den eigenen Geschäftsbedingungen so festgelegt sein.
Die Rolle und Wichtigkeit von Frontend-Entwicklern wird zunehmen, die Applikationen verschieben sich ins Netz und auch normale Webseiten müssen immer besser werden um zu funktionieren. Es ist wichtig Qualitätsstandards jetzt zu setzen von denen wir alle in Zukunft profitieren.
Kommentare (Abonnieren)
Gerrit van Aaken
1. Juni 2009, 11:32 UhrVolle Zustimmung. Habe ich auch schon gemacht, als der Kunde (Architekt!) partout nicht davon abrücken wollte, die Navigation unten am Browserrand zu platzieren. Nicht mit mir.
Andreas Dantz
1. Juni 2009, 11:58 UhrIch gebe dir vollkommen Recht. Allerdings ist es nicht einfach, wenn man gerade frisch auf dem Markt ist, und froh ist einen AUftrag zu bekommen. Helmut Newton hat in einem Interview mal gesagt, am Anfang muss man seine Seele verkaufen, bis man genug „Fuck You“-Money auf dem Konto hat.
Sobald man aber in der Position ist, einen solchen Job ablehnen zu können, sollte man davon unbedingt Gebrauch machen. Denn man macht nicht nur bessere Arbeit, sondern hat auch noch mehr Spaß dabei.
Andreas Hecht
1. Juni 2009, 14:00 UhrEric, ich kann Dich verstehen, kann aber auch die Argumente von Andreas nachvollziehen. Geld ist nun mal am Anfang nicht ganz unwichtig. Doch gerade unsere Aufgabe muß es sein, mit allen uns zu Verfügung stehenden Mitteln solche Seite wie die von Dir verlinkte zu verhindern.
Wenn wir nicht schaffen uns in dieser Hinsicht durchzusetzen, haben wir schlecht oder falsch dem Kunden gegenüber argumentiert. Rhetorik und Kompetenz sind unsere schäfsten Waffen, die wir ausgiebig nutzen sollten. Und wenn es denn gar nicht geht, dann müßen wir halt schweren Herzens auch mal NEIN sagen.
Oliver
1. Juni 2009, 14:25 UhrDas Qualitätsstandardproblem haben wir visuellen Gestalter eben auch! Im optimalsten Falle sollte bei der Website-Entwicklung ja ein lebendiger Dialog zwischen Gestalter und Frontend-Entwickler stattfinden, damit hier die Expertise aus beiden Bereichen zusammenfindet. Erschreckend ist festzustellen, wie viele Branchen mit der Preisdrückerei und mangelndem Qualitätsbewusstsein seitens der Kunden zu kämpfen haben.
Das Geldproblem, wie Andreas es beschreibt, ist natürlich so eine Sache. Der Punkt ist aber, wie du sagst, Eric, dass man sich selbst ins Knie schießt, wenn man – auch am Anfang – alles mit sich machen lässt, weil höhere Preise schlecht zu rechtfertigen sind, wenn die Stunde vor zwei Monaten noch die Hälfte gekostet hat. Zudem prägt man so auch mit das untragbare Preisniveau und das Bild vom Billigprodukt mit entsprechend geringer Wertschätzung, was in unseren Branchen vorherrscht. Ich sage: lieber am Anfang noch parallel Kellnern gehen, aber dafür gleich der eigenen Leistung Profil durch Anspruch und Wertigkeit (die eben Geld kostet) geben.
Dennis Frank
1. Juni 2009, 14:28 UhrGut gebrüll Eric. Nein zu sagen ist eine der wichtigsten Tugenden eines jeden Selbstständigen. Aber d das muss fast jeder erst mal mehr oder weniger schmerzlich lernen. Warum versuchen, Kunden, die es partout nicht anders wollen, gegen ihren Willen von etwas zu überzeugen? Die werden nach vollbrachter Arbeit dann auch nicht zufrieden sein. Spart Euch diese Energie für sinnvolle, gute Jobs auf und sagt auch mal leichten Herzens: Nein!
Sylvia Egger
1. Juni 2009, 15:40 UhrDas Beispiel mit den unterstrichenden Links ist wirklich alltagsnah, geht mir jedes Mal so. Da könnte man gut und gerne ne schöne Liste machen.
Grundsätzlich bei Arbeit in Agenturen schwierig, das immer nach- und vorzujustieren. Je nach Position in der Agentur kann man da mehr oder weniger Möglichkeiten haben, nein zu sagen. Man kann zwar z.B. dem Kunden sagen, dass man bei diesem oder jenem Layout lieber nach vorne entwickelt hätte, kann ihm klar machen, dass diese Fokussierung etwa auf den IE6 schade ist. Man hätte da viel weiter gehen können in diesem Projekt. Aber das muss nicht heißen, dass der Kunde das annimmt.
Was bleibt ist, immer noch in diesen Rahmenbedingungen die Standards klarer und präsenter zu machen. Etwa auch der Grafik immer wieder klar zu machen, warum Links zu unterstreichen sind. Über die Projekte hinweg ändert sich dann was, und hinter einem klaren “Nein” wird anderen dann auch schneller klar, was mit Standards gemeint und erreichbar ist.
Nils Pooker
2. Juni 2009, 10:27 UhrVolle Zustimmung, ein wichtiger Beitrag, danke.
Das Argument “Ich war jung und brauchte das Geld” zieht ja auch nicht wirklich und ist ungefähr so zielführend wie “wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte es ein anderer getan”. Es gibt Sachen, die macht man nicht. Auch nicht für Geld und erst recht nicht als Profi.
Klärt eure Kunden auf und haltet unfähigen Grafikern eine klare Standpauke in Sachen Gestaltung fürs Web. Und wenn beide partout auf ihren Standpunkten bleiben, sagt “Nein”. Das sagt übrigens auch ein Handwerker zu seinen Kunden, wenn die mit dämlichen oder unprofessionellen Wünschen kommen.
Kristian Heitkamp
2. Juni 2009, 10:52 UhrStimmt genau, denn wir werden nur an unserer bisherigen Arbeit gemessen. Liefern wir eben schlechte ab, leidet unsere Reputation. Wir können leider nicht jedesmal, wenn wir unsere Arbeiten potentiellen Kunden zeigen dazu erklären: “Ja, aber der Kunde wollte das so …”.
Damit disqualifizieren wir uns gegenüber jenen Kunden, die eben viel Wert auf gutes Design/gute Beratung legen und dementsprechend auch bereit sind zu zahlen.
Und so entsteht dann ein Teufelskreis, aus dem man nur schwer wieder ausbrechen kann.
David Maciejewski
2. Juni 2009, 19:01 UhrIch stimme dir absolut zu, Eric. Mit einer Ausnahme.
Während meiner Selbständigkeit oder bei privaten Projekten bin ich rigoros und lehne dann ggf. einfach ab. Dass ich sehr streng bin kommuniziere ich aber im Vorfeld. Da weiß der Kunde / Bekannte gleich, was er erwarten kann und stellt sich drauf ein. Die Not ist dann die Verabschiedung aus dem Projekt.
Wenn du aber angestellt bist und hast einen Chef, der sich eher von den Kunden als von seinen (kompetenten) Mitarbeitern beraten lässt, sieht die Sache schon ganz anders aus. Da kannst du gern argumentieren, aber nichts durchsetzen. Ich selbst habe einen fachlich kompetenten Chef, der gern auf unsere Expertise hört, ich kenne aber einen Haufen „Kollegen“, bei denen das leider so ist.
Aber auch für diesen Fall habe ich eine Lösung, die ich jedenfalls konsequent verfolge: Ich betrachte hier den Chef als Kunden und bin weg aus der Agentur, wenn meine Qualitätsstandards nichts mehr wert sein sollten.
Schepp
3. Juni 2009, 11:46 UhrAuch ich habe an der Message des Artikels nichts auszusetzen. So wäre es wünschenswert!
Tatsächlich macht aber auch die Kompetenz des Kunden eine Menge aus. Ich habe festgestellt, dass ich gerade mit den Kunden nicht zusammenkomme, die ihr erstes Internetprojekt in Angriff nehmen bzw. die das Internet nicht verstehen (und auch nur ansatzweise nutzen). Erkennungszeichen sind Worte und Sätze des Schlags: “Wir haben an ein Gästebuch gedacht”, oder “hier wollen wir ein Intro haben”.
Für die besteht eine Seite aus Grafik und Text, und das bekommt man überall für ein paar hundert Euro. Alle anderen Aspekte werden diesen Kunden erst im Nachhinein / in der Praxis klar. Aber dann ist es zu spät um nachträglich noch herumzudoktorn. Die Erkenntnisse muss er in den nächsten Relaunch einfliessen lassen, der ihn zwangsläufig mehr kosten wird.
Im Vorfeld lässt sich so ein Kunde tatsächlich kaum dazu umstimmen, einen separaten Grafiker zu beauftragen, und die Seite sauber gecoded für mehr als nur ein paar hundert Euro umsetzen zu lassen. Wie Dennis schon richtig sagt, wäre dieser Kunde später wohl auch nicht zufrieden mit der hochwertigen Arbeit, da er ihre Vorteile nicht erkennen kann. Eher fühlt er sich “abgezockt”.
Viel angenehmer ist deshalb die Arbeit mit Kunden, die selbst aktive Netznutzer sind, die im Web einkaufen, die Interaktive funktionen nutzen, von Trends gehört haben und die sich über das Medium in der normalen Presse regelmäßig informieren. Die alternative Browser nutzen. Die wissen, dass Suchmaschinenplatzierung ein eigenes Arbeitsfeld ist, die einen sauberen Relaunch mit Weiterleitungen der alten URLs zu schätzen wissen, die sich davon überzeugen lassen, dass lange Ladezeiten heute nicht mehr von zu großen JPG-Dateien herrühren, und die sich gedanklich langsam vom IE6 lösen können, u.v.m.
Aber diese Kunden mit “Vorbildung” sind leider weniger zahlreich, als man es sich wünschen würde. Und Geld regiert trotz allen Unkenrufen die Welt, deshalb: bevor mein Geldeingang versiegt, gehe ich auch mit dem Niveau herunter.
Thomas Scholz
3. Juni 2009, 14:05 UhrIrgendwie ist das immer eine Zwickmühle. Wenn man den Kunden überreden will, dann muß man ja mit technischen Argumenten hantieren – und genau diese Art der Argumente will der Kunde nicht hören; oft versteht er sie auch nicht.
Ich habe schon einige Aufträge erledigt, die ich nie als Referenz angäbe – bloß weil sie gut bezahlt wurden und ich sie schnell abarbeiten konnte. Die Frage ist dabei immer: Wie gut kann ich mit meinem Pragmatismus leben?
Bei Texten ist das einfacher: Ich arbeite nicht für politische oder religiöse Dogmatiker. Das kann ich leichter erklären, und entsprechend weniger »innere Mühe« habe ich, dann mal abzusagen.
Folkert Groeneveld
5. Juni 2009, 16:19 UhrSo sollte es sein! Mit anderen Entwicklern möchte ich nicht arbeiten.
Vorweg, ich bin einer der Gestalter, der immer mal wieder Frontend-Entwickler zur Umsetzung seiner Designs und Konzepte hinzuzieht.
Wichtig für mich als Gestalter und Berater ist, schon früh die Führung in einem Webprojekt zu übernehmen, damit ein Kunde gar nicht erst in die Versuchung kommt, ein “Nein” zu provozieren. Der Kunde kommt zu mir, weil er auf Qualitätsstandards achtet und diese auch von mir erwartet. Die anderen kämen gar nicht erst auf die Idee, mich zu fragen.
Mit dem “Nein sagen” ist so eine Sache. Da hab ich wie viele andere auch so meine Probleme mit. Gerade darum ist es so wichtig, von Anfang an die Wichtigkeit von Qualitätsstandards offen zu kommunizieren. Denn jeder, der das nicht macht und “Ja” sagt, muss wissen, das alles was er tut, über kurz oder lang wieder auf ihn zurück fällt. Nichts bleibt ohne Folgen. Gerade darum schlage ich meinen Kunden einen Frontend-Entwickler vor, damit nicht das andere Extrem passiert und ich an einen Frontend-Entwickler gerate, der zu allem “Ja” sagt. Solche gibt es leider auch zu viele.
Ist die Mannschaft komplett hole ich alle an einen Tisch um noch einmal Kritik und Anregungen von allen einzuholen. Dann geht es mit dem Frontend-Entwickler und mir los. Der Entwickler entwickelt und gestaltet mit, was noch nicht zu Ende gedacht war. Da ist Mitdenken und Kritikfähigkeit auf beiden Seiten Pflicht.
Olaf Gleba
12. Juni 2009, 23:34 UhrMan muss differenzieren. In meiner Arbeit gibt es hier eindeutige Abstufungen. Habe ich Kundenanfragen zu Webauftritten auf dem Tisch, kann ich in der Regel davon ausgehen, das der Kunde mein Know-How anfragt. Das ist zuerst einmal eine Unterstellung meinerseits, man sollte die Kommunikation mit dem Kunden aber von Anfang an genau auf diese Beine stellen. Es hilft meiner Erfahrung nach bei allen folgenden Gesprächen,- auch beim evtl. Nein sagen.
Habe ich eine Agentur, die im defacto im Auftrag eines großen Kunden mein Know-How anfragt, kann es im Einzelfall anders aussehen. Abgesehen von guter Bezahlung (die für mich in tendenziell ideologisch angehauchten Diskussionen doch zu oft unterbewertet wird) ist es dann auch eine Frage der Instanztiefe der Entscheider. Auch wenn, wie Dirk oben sagte, ggf. der VA der Agentur als Chef anzusehen ist, kann ich dessen u.U. eingeschränkten Entscheidungsspielraum nicht ignorieren. Besonders wenn ich mit dem Endentscheider bei solch großen Projekten keinen direkten Kontakt habe. Und mein direkter Ansprechpartner, der Projektleiter in der Agentur, auch in gewissen Sachzwängen gebunden ist.
Wenn ich bspw. Template Prototyping machen soll für das CMS des Agenturkunden, dessen Architektur mehr neuralgische Schnittstellen als die (nicht kleine) Agentur MAs hat, bleibt es eben oftmals (und muss es dann auch) bei einem verständnisvollen Nicken und gleichzeitig hilflosen Achselzucken des Projektleiters.
Erwarten tue ich allerdings auch hier, das meine ggf. Kritik an dem Umsetzungkonzept angehört und reflektiert wird. Allerdings kann auch die Agentur im Gegenzug auch erwarten, das auch ich mich begründeten Argumenten (s.o. CMS Faktum) nicht verschließe.
Aufgabe kann es IMO nur sein, den Kunden Alternativen vorzuschlagen, aufzuzeigen,- um eine Wahl präsentiert zu haben.