28.06.09 // Eine besondere Erfahrung

Vor einigen Wochen fand ich auf Facebook eine Veranstaltung mit dem Namen „Twitter for Tweafs?“, also „Twitter für Gehörlose“. Da ich mich im Rahmen von Web Accessibility und e-Inclusion auch dafür interessiere wie u.a. gehörlose Menschen das Internet genau nutzen, habe ich mich einfach mal angemeldet, zumal Jo Spelbrink den Vortrag hielt.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht realisiert, dass der Vortrag (der immerhin vom „Verein österreichischer gehörloser Studierende“ organisiert wurde) nur in ÖGS(Österreichische Gebärdensprache) gehalten werden würde. Erst als Jo mich per Skype anschrieb fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Jo versprach zu versuchen eine Dolmetschung für mich aufzutreiben, damit es für mich möglich wäre dem Vortrag zu folgen.

Letzten Freitag startete dann dieses Selbstexperiment: Wie reagiert man, wenn man die Sprache nicht versteht? Wie gehen Gehörlose miteinander um? Wie nutzen sie Web-2.0-Tools?

Vielen Dank an Eva Böhm, die das komplexe Thema über mehr als zwei Stunden für mich übersetzte und dabei einen guten Job machte obwohl sie keine geprüfte Dolmetscherin ist und sich nicht wie sonst üblich alle 20 Minuten mit einem Kollegen/einer Kollegin abwechseln konnte.

Jo stellte in seinem Vortrag viele Soziale Plattformen vor, neben Twitter auch Vimeo oder die Videochatplattform tinychat. Überhaupt seien gehörlose Menschen sehr aktiv, vor allem auf Facebook. Twitter sei ebenso optimal, da die kurze, flüchtige Form die Angst nimmt Fehler in Schriftsprache zu machen. Diese unterscheidet sich nämlich grundlegend in der Grammatik von Gebärdensprache.

Immer wieder wurden verschiedene Gebärden für die Namen von Webseiten diskutiert, was mich als hörenden auch an die Diskussionen zur Aussprache von manchen Webseiten erinnerte (Xing als „Gsing“, „Ksching“ oder gar „Crossing“).

Als Fazit kann ich festhalten, dass ich ohne Übersetzung wohl nicht weit gekommen wäre, der Stellenwert eines Dolmetschers (für die Zuschauer) bei mir ist definitiv noch weiter gestiegen.

Ich bedanke mich beim VÖGS für die Möglichkeit an der Veranstaltung teilzunehmen, ich fühlte mich sehr willkommen. Diese Art der gegenseitigen Inklusion ist noch viel zu wenig verbreitet doch man gewinnt wirklich wichtige Einblicke, wenn man sich diese Sachen einfach mal persönlich anschaut. Gebärdensprachdolmetschung muss auf so vielen Veranstaltungen wie möglich zum Standard werden, egal ob von gehörlosen oder hörenden Menschen veranstaltet, egal wie das Zielpublikum strukturiert ist.

Kommentare ()

  1. Link zu diesem KommentarSandra Kallmeyer

    28. Juni 2009, 12:56 Uhr

    Stanko Pavlica hat das auf dem Accessibility Day in Zürich als Effekt eingesetzt, indem er die ersten Sekunden seines in Gebärdensprache gehaltenen Vortrags nicht hat dolmetschen lassen. Das war eine sehr irritierende und erleuchtende Erfahrung. :-)

  2. Link zu diesem Kommentardigiom (Jana Herwig)

    28. Juni 2009, 15:36 Uhr

    Verwirrt – ist mein Kommentar nur in der Moderationsschlang oder wurde er gefressen, weil ich nicht auf “Dies ist keine Werbung” geklickt habe?

    Kurze Zusammenfassung: Klingt spannend, hoffe ich habe auch einmal Gelegenheit das selbst zu erleben.

  3. Link zu diesem KommentarJo Spelbrink

    28. Juni 2009, 17:23 Uhr

    Schön, dass du da warst, Eric! Ich möchte dennoch darauf hinweisen, dass die Organisation der Dolmetschung nicht bei mir lag. Der Dank gilt allein dem Team von VÖGS. Ich habe jediglich darauf hingewiesen und Vorschläge gemacht. Organisiert hat es VÖGS. Eva Böhm hat die Sache erstaunlich gut gemacht, ich hatte nie das Gefühl, dass es holprig war, sondern es war ein wunderbarer Fluss! Ich hoffe, dass es keine Eintagsfliege war und eine Fortsetzung findet!

  4. Link zu diesem KommentarAndreas Hecht

    2. Juli 2009, 07:57 Uhr

    Das hört sich ja mal echt interessant an. Würde ich auch gern mal erleben und denke auch, dass eine nähere Zusammenarbeit für beide Gruppen äußerst interessant sein könnte.

    Hoffe, dass so etwas mal in meiner Nähe (Hamburg) stattfindet…

    P.S.: Nö, ist keine Werbung, Eric:-)