20.01.08 // Welche Standards wollt ihr eigentlich?!??

Jaja, man hört es immer wieder: Das W3C ist zerstritten und langsam und es kommt sowieso nix dabei heraus.

Als (eher stilles) Mitglied der HTML5-Arbeitsgruppe sehe ich das mittlerweile anders. Das W3C ist nicht in der Position Fehler in einer Spezifikation durch ein Update zu beheben, kann keine HTML5.0.0.11 nachreichen. Spezifikationen sind – für Internetverhältnisse – für die Ewigkeit ausgelegt. Das heißt 5, 10 oder gar 20 Jahre.

Oft wird dem W3C vorgeworfen, dass es die CSS2.1-Spezifikation nicht abgeschlossen hat, es wird aber übersehen, dass eine Spezifikation erst dann abgeschlossen werden kann, wenn es zwei komplette, voneinander unabhängige Implementationen gibt. Das liegt bei CSS2.1 nicht vor.

Und da mag sich ja die Katze in den Schwanz beißen, aber solange es keine Implementationen gibt ist die Spezifikation nicht fertig und solange es keine Spezifikation gibt bauen die Browserhersteller es nicht vollständig ein.

Das ist gut und richtig so.

Weshalb? Nun HTML4 wurde in einem atemberaubenden Tempo verabschiedet, ohne Implementationen abzuwarten. Das brachte uns nicht nur eine neue HTML-Version sondern auch viele Probleme. So gingen Browser mit Fehlern im Quelltext anders um, hatten schlechtere oder bessere SGML/HTML-Parser und durften sich auch an vielen Stellen einfach aussuchen, wie sie es anzeigen wollten. HTML4, und der darauf aufbauende XHTML1.0-Standard, sind eigentlich ganz schlechte Spezifikationen. An vieles wurde nicht gedacht, manches einfach ignoriert.

Das W3C hat eine viel größere Verantwortung. Anfang 1998 gab es 101 Millionen Internetbenutzer, mittlerweile liegt diese Zahl zwölfmal so hoch bei 1,2 Milliarden Benutzern weltweit. Das ist ein gutes sechstel der Weltbevölkerung.

Alle Arbeitsgruppen im W3C, auch HTML5 und CSS2.1/3, haben die Verantwortung und die Verpflichtung gute Standards zu machen. Keine, die „schon irgendwie“ funktionieren und wir damit den nächsten IE bekommen. Sondern wirklich verlässliche Standards, die implementiert werden können und implementiert werden. Schnellschüsse helfen da überhaupt nichts.

Übrigens geht man bei den WCAG 2 einen ähnlichen Weg. Die Spezifikation wird als W3C Recommendation veröffentlicht, alle Supportdokumente nur als Working Group Notes. Das heißt sie können schnell und effizient an Entwicklungen angepasst werden und es bleiben keine Leichen wie in der WCAG1 übrig. Stichwort da: „Until User Agents support“.

Kommentare (Abonnieren)

  1. Link zu diesem KommentarJens Grochtdreis

    21. Januar 2008, 08:54 Uhr

    Ich bleibe dabei: das Medium Internet ist sehr dynamisch. Die Dynamik des W3C hingegen gleicht der eines Holzpfostens. Das paßt nicht.
    Man kann zwar sagen, daß wir ein für einen anderen Zweck gedachtes Medium “gekapert” haben. Trotzdem bleibt übrig, daß die Anforderungen der Kommunizierenden nur sehr schwer und mit großen Mühen realisierbar sind, weil Browserhersteller und W3C sich nicht oder kaum bewegen.

  2. Link zu diesem KommentarEric Eggert

    21. Januar 2008, 09:11 Uhr

    Ach Jens, das ist doch Unsinn: Es hat sich in den letzten Jahren so viel auf dem Browsermarkt getan, der IE7, Canvas in anderen Browsern, WebForms 2. Es ist ja nicht so, dass die Hersteller nicht weiterentwickeln, auch Microsoft scheint auf dem richtigen Weg zu sein, sie hauen aber auch nicht jede Woche ein Browserupdate raus. Das wäre für den Otto-Normaluser auch unnötig und unerklärbar.

    Und auch im W3C hat sich viel getan. HTML5 ist ein offener Prozess und deshalb gibt es eine Streitkultur und das kann nur positiv sein. Bis es ein richtiger Standard ist, müssen wir uns eben – wie mit den Implementationen von CSS2.1 und CSS3 – mit Quasi-Standards begnügen. Das hat dem Internet aber in den letzten 10 Jahren nicht geschadet und wird es auch in den nächsten 20 nicht.

  3. Link zu diesem Kommentarveronika

    22. Januar 2008, 09:33 Uhr

    klingt eigentlich ja alles ganz nett und durchdacht. trotzdem kann ich mir kaum vorstellen, dass die in manchen belangen einfach unsorgfältige implementierung der standards in den unterschiedlichen browsern nur aus einem “schnellschuss” des W3Cs resultiert. wär natürlich wunderbar, wenns so wäre und in zukunft sich das “cross browser optimizing” aufhört – kann manchmal wohl den letzten nerv ziehen.

    und überhaupt, ist wiedermal ein webmontag geplant?

  4. Link zu diesem KommentarRené

    24. Januar 2008, 10:16 Uhr

    Zu eingangs gestellten Frage kann ich nur eindeutig sagen: XHTML 2.0

    Wie du schon richtig beschrieben hast, ist ein Standard für eine sehr lange Zeit ausgelegt. Von daher sollte er auch durchdacht und kann an einigen Stellen durchaus auch radikal sein – solange er konsequent ist und eine Linie zieht.

    Warum man die bereits gemachten Fortschritte von XHTML 2.0 begräbt und zum Teil wieder in Frage stellt, ist mir dagegen ein Rätsel (Beispiel: HTML als Parallelversion erlauben, iframes, target oder die Umdefinition einzelner physischer Attribute). Ich staune ja, daß man an header und section noch festgehalten hat. Trotz sind viele Dinge (figure, audio, video, …) auch widerum nützlich und brauchbar.

    Ich verweise mal auf meine Auseinandersetzung zum Entwurf: http://renephoenix.de/?bid=1727