22.11.06 // Wenn die Gesellschaft Amok läuft

So: Ich fasse nochmal zusammen in McPom gewinnt die Nationale Partei der Deppen (NPD) 7,3% der Stimmen und zieht mit 6 Sitzen in den Landtag ein. Und Münte hat eine Idee: „Lasst uns doch die NPD verbieten!“

Gestern dann ein Amokläufer in NRW. Er stürmt mit einem Gewehr und Sprengstoff auf den Schulhof und schießt wild um sich, bringt sich dann selbst um. Und wieder hat die Politik die Lösung des Problems: „PC-Killerspiele“ sollen verboten werden.

Hallo?

Was hab ich eigentlich verpasst?

Die Politik macht es sich zu einfach, wenn sie denkt sie könnten durch Verbote auch nur irgendetwas verhindern. Jemand, der unbedingt andere Menschen töten will, braucht keine Anleitung aus Computerspielen.

Es ist nunmal Tatsache, dass es in Deutschland ein gesellschaftliches Problem gibt. In Ausnahmefällen gibt es Überreaktionen, aber das hat nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun. Von geschätzten drei Millonen Counterstrike-Spielern haben jetzt zwei durchgedreht. Das sind 0,000067 % der Spieler, ein unheimlich kleiner Anteil.

Die Frage ist doch: Weshalb neigen solche Amokläufer eigentlich zu Spielen in denen Gewaltfantasien bedient (aber nicht hervorgerufen) werden?

Die Antwort ist ganz einfach: Weil sie keinerlei soziale Bindungen haben. Wenn Computerspiele die einzige Verbindung zur Außenwelt sind, wenn keinerlei Selbstwertgefühl, kein Selbstvertrauen da ist, dann versuchen diese – seelisch verarmten – Menschen es sich irgendwie zu holen.

Sie werden dann vielleicht sogar in ihrem Spiel erfolgreich. Aber jeden Tag, wenn sie in die Schule, unter „normale Menschen“, gehen, werden sie damit konfrontiert, dass es andere gibt, die besser sind als sie. Die beliebter sind. Menschen, die auch von anderen Mitmenschen ernstgenommen werden. Menschen, über die nicht gelacht wird. Jungs, die von Mädchen angelächelt werden.

Das alles kann ein vereinsamter Amokläufer nicht haben. Er weiß, dass diese Anerkennung das ist, was er will. Weil er nicht angelächelt werden kann, will er, dass die Leute Angst vor ihm haben. Eine Ersatzbefriedigung. Er zieht sich schwarz an. Immer die Sonnenbrille auf. Das soll nicht cool, das soll böse aussehen. So wie im Film oder im Spiel.

Bald merkt dieser kleine Geist aber: Ich bin überhaupt nicht so cool wie die im Film. Vor allem wenn ich im Winter oder bei strömendem Regen noch immer mit der Sonnenbrille auf der Nase herum laufe. Und jetzt sind wir beim zentralen Problem dieser Amokläufer: „Ich“. Sie sind auf sich fixiert. Ihr gesellschaftliches Umfeld existiert aus einem Grund: Für ihn, um ihm zu huldigen. Er sieht sich als Oberzampano, als der, der alle Fäden in der Hand hat.

Doch er muss bemerken, dass seine Macht begrenzt ist. Und zwar auf die vier Wände in denen er meistens sitzt und in dem Kasten vor dem er meistens sitzt.

Gibt es für dieses Problem, für diese Probleme eine Lösung? Keine einfache. Soziale Bindungen stärken ist bei Menschen, die sich völlig abschotten nicht möglich. Eine soziale Integration von klein auf ist wichtig. Aber alle anderen Faktoren sind private. Das Verbieten von „Killerspielen“ (was übrigens für 90% der gemeinten Spiele eine wenig zutreffende Beschreibung ist) wird bei diesem Problem genauso wenig helfen wie ein NPD-Verbot bei der Bekämpfung von rechtsradikalem Gedankengut helfen würde. Doch dort würden wenigstens die Symptome bekämpft werden.

Update: Die FTD und deren Autor Kai Beller sieht das ähnlich: „Amoklauf gegen ‚Killerspiele‘“

Kommentare ()

  1. Link zu diesem KommentarOliver

    21. November 2006, 15:37 Uhr

    Ich schließe mich hier jetzt mal Deiner Meinung an, Eric.
    Sowie ein Verbot der NPD (übrigens: geile Idee…) kein rechtes Gedankengut verhindert, verhindert ein Verbot der ‘Killerspiele’ keinesfalls eine ausbleiben der Gewalt. Genausogut kann man behaupten, dass ein Verbot von Wasser verhindert, dass der Mensch Durst bekommt. Klar, das letzte ist ein krasses Beispiel, und evtl etwas unverständlich. Was soll’s.
    Das Einzige, dass die Politk mit Verboten erreicht, ist doch, dass die nun illegalen Spiele unter der Hand sich nur noch größerer Beliebtheit erfreuen, und genau die ‘Sparte’, wenn ich das hier mal so nennen darf, die vom Spielen abgehalten werden soll, wird es tun., also spielen.
    Genausowenig wird ein zwanghafter Versuch, jeden zu integrieren scheitern. Dazu sind viele der Jugendlichen einfach nicht bereit. Sie brauchen einen zum ‘Dampf ablassen’ sprich zum Hänseln. Und der den’s dann trifft, hat es unheimlich schwer in der Klasse/Schule zurechtzukommen. Das ist heutzutage in den Schulen schwerst abzustellen. Die Mentalität passt einfach nicht. Das fängt schon vile zu früh an. Die Kinder spüren den Unmut ihrer Eltern über wen-auch-immer und das projezieren sie auf ihre eigene kleine Welt. Voilà, schon haben wir den Salat. Die Kinder fangen schon damit an. Die Unzulänglichkeiten, die sie an sich sehen, wälzen sie auf einen Anderen ab (der ist Schuld) und sie stehen gut da. So fängt es leider an. Das zu ändern wäre der erste Schritt, der so wichtig für eine Integrationspolitik wäre. Und der ist nicht einfach. Unsere Gesellschaft baut auf Fehlern auf. ‘Aus Fehlern wird man klug’ heißt es in einem Sprichwort. Aber wenn jeder immer sofort auf seine Fehler hingewiesen wird, entwickelt er sich dazu, das unangenehme (die zurechtweisung) abzuwälzen. Wobei wir beim Problem unserer Gesellschaft wären. Aber da das hier zu weit führt (nicht, dass der Eric mich abwürgt) schreibe ich noch einen letzten Satz:
    Alles was es Wert ist, dafür einzustehen ist NIEMALS einfach.

    bis denne
    Oliver

  2. Link zu diesem Kommentarmanuel

    22. November 2006, 11:26 Uhr

    ich hab nicht alles gelesen. aber hab schon nach der hälfte gemerkt das sich unsere meinungen da absolut decken. wollte auch noch n text zu dem thema schreiben. aber ich find irgendwie nicht die zeit dazu im moment. :/

    den text sollteste so vielleicht mal an die herren stoiber und rüttgers schicken …

  3. Link zu diesem KommentarJens Meiert (WHWS)

    23. November 2006, 00:21 Uhr

    Danke. Verbote bringen nichts, sogar ganz im Gegenteil, sie lassen die verbotene Frucht nur verlockender erscheinen. Zudem werden die Relationen immer absolut ignoriert – ohne etwas herunterspielen zu wollen (!), aber ein Amoklauf bei zehntausenden Schulen und hunderten Tagen im Jahr, das ist einfach nur nichts, das ist statistisch insignifikant. [...] Dieser Populismus ist einfach nur dumm. Also wirklich einfach nur dumm.

  4. Link zu diesem Kommentarmanuel

    23. November 2006, 12:30 Uhr

    ich wette du spielst killerspiele, jens ;)

  5. Link zu diesem KommentarStefan

    4. Dezember 2006, 15:04 Uhr

    Ist es nicht sogar so, dass CS (Counterstrike) erst ab 16 ist (Dt. Version)? Ich stimme dir in dem Teil zu, wo du sagst, dass die soziale Bindung sehr wichtig ist, aber alle (einige) Amokläufer einfach als Looser (oder neudeutsch: emotional Vereinsamt) abzustempeln ist sicherlich genauso falsch, wie zu sagen, dass alle Rechtsradikalen dumm und blöd sind.
    (Die meisten Rechtsradikalen wird man zwar z.B. bei den Hauptschülern finden, aber gewiss nicht alle.)

  6. Link zu diesem KommentarMarkus

    4. Dezember 2006, 22:00 Uhr

    Das Problem sind nicht die “Killerspiele” an sich, sondern dass die Kinder in einer Phase, in der sie ihr Weltverständnis entwickeln, mit virtueller (unwirklich) Realität (Fernesehen, Computer) konfrontiert werden. Somit lernen sie Dinge aus der virtuellen Welt als real.
    Diese versuchen sie dann in der realen Welt anzuwenden. Das geht natürlich schief.