Chemie MSS13

Organische Stickstoffchemie

1. Amine

Ammoniak; primäres, sekundäres und tertiäres Amin (v.l.n.r.)

Funktionelle Gruppe: –NH2; –NH → Aminogruppe

1a. Aliphatische Amine

R: –CH3
Methyl-, Dimethyl-, Trimethylamin.

Reaktionen:

Wässrige Lösung von Aminen reagieren basisch.

Base (prim. Amin) und Säure (H2O) reagieren zu Alkylamonium-Ion
Masse-Wirkungs-Gesetz

Aus dem MWG ergibt sich: Je kleiner der pKB desto stärker die Base.

StoffpKB
NH34,74
CH3–NH23,36
(CH3)2–NH3,29
(CH3)3–N4,26

Theorethisch zu erwarten: Zunahme primäres → sekundäres → tertiäres Amin, wegen +I-Effekt des Rests, dadurch bessere Verfügbarkeit des freien Elektronenpaars (zur H+-Anlagerung).
Aber: Tertiäres Amin hat geringere Basizität, die Basenstärke ist nicht nur von der Elektronen-Dichte am Stickstoff abhängig!
Zudem nimmt die Möglichkeit zur Hydratisierung der Amonium-Ionen ab.

Salzbildung (mit Mineralsäure):
Bildung von Methylaminiumchlorid

Eigenschaften:

Freisetzen des Amins aus dem Salz durch starke Base.

1b. Aromatische Amine

Wichtigster Vertreter: Phenylamin = „Anilin“:

Anilin

Eigenschaften:

Grund für diesen Rückgang der Basizität: Mesomeriestabilisierung im Anilin.

Mesomeriestabilisierung bei Anilin.

+M-Effekt der NH2-Gruppe → Wechselwirkung zwischen Ring und freiem Elektronenpaar des N.

Aniliniumion: Keine Wechselwirkung zwischen Ring und (ehemals) freien Elektronenpaar möglich → Energetisch ungünstig!
Herstellung von Anilin:

Reduktion von Nitrobenzol:

Herstellung von Anilin mit Eisen und HCl.
Verwendung:

Wichtige Zwischenverbindung in der chemischen Industrie:

2. Säureamide

Formal: Ersatz der OH-Gruppe in COOH durch NH2: R-C-ONH2

Herstellungsmöglichkeit:

Säureamidherstellung aus einem Säurechlorid.

Homologe Reihe

Harnstoff

Formal: Diamid der (nicht existenzfähigen) Kohlensäure:

3. Aminosäuren

L-Aminosäure, optisch aktiv (Außer R: H → Glycin)

Zwitterion (Pufferwirkung, Isoelektrischer Punkt)

4 Gruppen (s. Blatt Aminosäuren)

4. Proteine (Eiweiße)

Biologisch sehr wichtige Stoffgruppe:
Muskelmaterial, Enzyme, Hormone, Strukturproteine (Haare, Nägel, Haut), Antikörper, Hämoglobin, Zellmembran usw.
→ Ohne Eiweiß kein Leben!

Hydrolyse von Proteinen führt zu Aminosäuren (AS).

Kopplung von Aminosäuren durch Kondensationsreaktion (hier: H2O-Abspaltung, rot) und unter Bildung von Peptidgruppen (blau).
Unterscheidung
NameAnz. Aminosäuren
Dipeptid2 AS
Tripeptid3 AS
Oligopeptidbis 10 AS
Polypeptidbis 100 AS
Proteinebis 1000 AS
Im Polypeptid unterscheidet man zwischen der N-Terminale (freie NH2-Gruppe, rot) und der C-Terminale (freie COOH-Gruppe, blau).

Gründe für die Unterschiede der Eigenschaften bei Proteinen:

a. Primärstruktur

Aminosäure 1 – Aminosäure 2 ≠ Aminosäure 2 – Aminosäure 1

Anzahl möglicher Primärstrukturen:

  1. Dipeptid
    d.h. Zahl der Aminosäuren in der Kette: n=2
    verwendare Aminosäuren: a=2
    → 4 Möglichkeiten: 1–1/1–2/2–1/2–2
  2. Tripeptid: n=3, a=2
    → 8 Möglichkeiten
  3. In der Natur: n=100, a=20
    → an = 20100 = 1,27×10130 Möglichkeiten

Strukturanalyse von Proteinen:

  1. Reindarstellung (Isolation)
  2. Totalhydrolyse → Einzelne Aminosäuren
  3. Identifizierung von Art und Anzahl der Proteine durch Chromatographie (Arbeitsblatt)
  4. Teilhydrolyse (mit Hilfe von Enzymen) an spezifischen Stellen (→ Oligopeptide)
  5. Chromatographische Trennung der Oligopeptide
  6. Abspaltung der Aminosäure von einem Ende her
  7. Chromatographische Identifizierung
  8. Beweis der Richtigkeit des Analyseergebnisse durch Synthese des Proteins
b. Sekundärstruktur

Räumlicher Aufbau wird durch Röntgenstrukturanalyse bestimmt.

Die räumliche Anordnung der Aminosäuren wird durch zusätzliche Bindungen stabilisiert:
Beispiel: Wasserstoffbrückenbindungen (HBB) intermolekular:

c. Tertiärstruktur

(besonders bei globulären=kugelförmigen Proteinen)
→ vielfaches Auffalten von Aminosäureketten bzw. Helices. Stabile Struktur durch vielfältige Bindungsmöglichkeiten.

  1. Kovalente Bindungen
  2. Ionen Bindung
  3. Wasserstoffbrückenbindung
  4. Van-der-Waals-Bindungen
d. Quartärstruktur

Aneinanderlagerung von mehreren aufgeknäuelten Ketten.

Beispiel Hämoglobin: 4 Peptidketten
    2 α-Ketten mit je 141 Aminosäuren → 282 AS
+ 2 β-Ketten mit je 146 Aminosäuren → 292 AS
→ Σ 574 Aminosäure
+ 4 Hämogruppen → Ein Hämoglobinmolekül

5. Enzyme (Fermente)

Struktur:

  1. Reine Proteine; bspw. Urease, Ribonuclease
  2. Protein + prosthetische Gruppe (kovalent gebundener Nichteiweißanteil mit niedriger Molmasse); bspw. Katalase
  3. Protein + Coenzym (reversibel ablösbarer Nichteiweißanteil mit niedriger Molmasse); bspw. ATP, NAD+

Biokatalysatoren

Substrat = Substanz, die bei ihrer Umsetzung katalytisch beeinflusst wird.

Zwischenverbindungskatalyse:
S → A + B durch folgende Schritte:
E+S → ES (Enzym-Substrat-Komplex)
ES → E(A+B)
E(A+B) → E+A+B

Das enzym verfügt über ein aktives Zentrum. Dies ist die Anlagerungsstelle für das Substrat.

Ein Enzym setzt die Aktivierungsenergie herab.

Enzyme sind:

6. Kunststoffe

Definition: Kuststoffe sind Materialien, die aufgebaut sind aus:

Wichtige Daten und Namen zur Geschichte s. Buch S.12.

Kunststoffe sind moderne Werkstoffe, die z.T. Naturstoffe ersetzen müssen, weil letztere nur in begrezten Mengen zugänglich sind. Etwa 80% aller Kunststoffe basieren auf Erdöl (ca. 8% der Erdölförderung).

Die Bundesrepublik gehört zu den größten Kunststoffproduzenten und -verbrauchern. Kunststoffe haben auch eine wichtige Bedeutung in der Automobilindustrie.

Vorzüge und Nachteile von Kunststoffen
VorzügeNachteile
Widerstandsfähigkeit gegenüber Mikroorganismen und WitterungseinflüssenSchlechte biologische Abbaubarkeit
Chemisch sehr beständigLeicht brennbar
Teilweise durch Wärme formbarTeilweise wärmeempfindlich
Weder geruchsannehmend noch aromabeeinflussend 
Oft bruchsicher, nicht splitterndSpröde
Elektrisch isolierendUnbeabsichtigte elektrische Aufladungen
Zugfest, gut färbbar, geringe DichteGeringe Oberflächenhärte

Klassifizierung nach praktischem Gebrauch (Struktur und Eigenschaften)

  1. Thermoplaste (bei Polymerisaten, Polykondensaten und Polyaddukten)
  2. Duroplaste
  3. Elastomere

Klassifizierung nach Bildungsarten

1. Polymerisationskunststoffe

Bei der Polymerisation lagern sich ungesättigte Moleküle wie bspw. Ethen, Styrol, Acrylnitrit oder Formaldehyd unter Aufspaltung der Doppelbindungen oder ringförmigen Verbindungen (wie bspw. Ethylenoxid oder Caprolactam unter Ringaufspaltung) zusammen.

Im Gegensatz zur Polykondensation werden hier keine niedermolekularen Stoffe abgespalten. Deshalb haben die Polymerisate praktisch die gleiche Zusammensetzung wie ihre jeweiligen monomeren Ausgangsstoffe.

Übersicht über die Polymerisationskunststoffe
MonomerFormelPolymerAbkürzungHandelsname
Ethylen
= Ethen
H2C=CH2 -[HC=CH]- PE
(HD/LD)
Hostalen (Hoechst),
Lupolen (BASF)
Propylen
= Propen
H2C=CH-CH3 PP Hostalen PP (Hoechst),
Novolen (BASF)
Vinylchlorid
= Monochlorethan
CHCl=CH2 PVC Hostalit (Hoechst),
Vinoflex (BASF)
Tetrafluorethen F2C=CF2 PTEF Teflon, Hostaflon
Styrol C6H5-CH=CH2 PS Styropor,
Polystyrol
Acrylsäure
= Propensäure
HOOC–CH=CH2   „Superabsorber“
Acrylnitril NC–CH=CH2 PAN Orlon, Dralon
Methacrylsäure-
methylester
PMMA Plexiglas,
Acrylglas

Die Polymerisationsreaktion folgt dem radikalischen oder dem ionischen Mechanismus.

2. Polykondensationskunststoffe