Was für eine Show! Obwohl jetzt schon ein ganzes Wochenende zwischen meiner Teilnahme am European Accessibility Forum Frankfurt liegt bin ich noch immer von den Eindrücken der eintägigen Konferenz umnebelt.

Beim Speaker’s Dinner am Vorabend hatte ich bereits die Gelegenheit bei sehr leckerem chinesischen Essen die anderen Moderatoren und Gesprächs­runden­teil­nehmer kennen zu lernen.

Linda Mauperon, Mitglied des Kabinetts der Europäischen Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien, eröffnete dann am nächsten Tag die Konferenz mit einer inspirierenden Keynote, die die alltägliche Verwendung des Internets durch jeden in den Mittelpunkt stellte. Dabei dürften unterschiedliche Fähigkeiten keine Rolle spielen. Die EU-Komission will ein einheitliches europäisches Verständnis für Web-Accessibility.

Das erste Panel zum Thema „Barrierefreie Webapplikationen“ moderierte Jeremy Keith und mit Paul Bakaus, Chris Heilmann und Saqib Shaikh hatte er drei exquisite Gesprächspartner, die auf die verschiedenen Anforderungen bei Webapplikationen eingingen. ARIA war hier bereits ein großes Thema. Chris zeigte zudem, das komplizierte Lösungen oftmals nicht besser sind als einfache und das man sich nicht von der Gestaltung ablenken lassen darf. Dies sei die Grundlage um Vollkommenheit in Webapplikationen zu erreichen. Saqib beschrieb die Accessibility-Features von Silverlight, hatte aber einen schweren Stand damit.

 

Nach der Kaffeepause ging es mit „Mobiler Zugang – geräte­un­ab­hängig oder barrierefrei?“ weiter. Neben Henny Swan und Dominique Hazaël-Massieux komplettierte Tomas Caspers das von Beate Firlinger moderierte Panel. Grundkonsens war, dass sich die Anforderungen für mobile und zugängliche Webseiten in weiten Teilen überschneiden, Tomas warf aber (zurecht) ein, das die Daten für Menschen mit Behinderungen andere sein müssten, da spezielle Bedürfnisse abgedeckt sein sollten. So könnte eine Kartenapplikation auch den Weg über mit Signalton ausgestattete Ampeln anbieten.

 

Im dritten Panel durfte ich die Moderatoren-Position übernehmen. Meine vier Panellists zum Thema „Barriere­freiheits­richt­linien im nationalen Vergleich“, Dr. Christian Bühler, Raph de Rooij, Dr. Jonathan Hassell und Peter Krantz stellten kurz die jeweiligen Richtlinien von Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und Schweden vor. Anschließend gab es eine kurze Frage-und-Antwort-Session, wir überzogen trotzdem. Die Frage wie Barrierefreiheit gesetzlich geregelt werden kann ist aber eine spannende und so gingen wir uns unterhaltend in die Mittagspause.

„Accessible Rich Internet Applications (ARIA)“ hieß die nächste Session mit Steve Faulkner, Niqui Merret und Marco Zehe. Martin Kliehm, der die Veranstaltung auch organisierte, übernahm die Moderation. Steve zeigte, wo bereits ARIA eingebaut ist und wie der Standard funktioniert. Niqui zeigte wie Webapplikationen und deren Barrierefreiheit in Flash/Flex umgesetzt ist und welche Probleme es noch damit gibt. Marco zeigte ein praktisches Screenreaderbeispiel. Natürlich folgte eine interessante Diskussion.

 

Das Panel „Webstandards und Barrierefreiheit in der Hochschulausbildung“ fand ohne meine Beteiligung statt, nachdem ich durch Gespräche mit Linda Mauperon kein Mittagessen hatte und Kaffee und Kuchen dann doch zu verlockend war. Dem Vernehmen nach war aber auch diese Gesprächsrunde exzellent.

Martin Ladstätter moderierte im Anschluss ein Panel zum Thema „Harmonisierung von europäischen Barrierefreiheitsrichtlinien“ und zeigte, was Journalisten von Blogger unterscheidet. Seine Fragen an Shadi Abou-Zahra, Miguel González-Sancho und Melanie Müller waren zwingend und zeigten in der Tat interessante Aspekte der momentanen Nicht-Harmonie in Europa. In Deutschland wird die BITV2 nicht überprüfbar sein, da sie wieder Dinge wie „wesentliche Inhalte“ einführt, die die WCAG2 absichtlich abgeschafft hatte. Zudem wird das Lower Secondary Education Level umgedeutet, obwohl das eine internationale Unesco-Einteilung ist. Ich denke, dass es da keine Anpassungen im normativen Teil der BITV braucht um auf die Länderbedürfnisse einzugehen. Am Rande des Panels wurde zudem verkündet, dass es eine autorisierte Übersetzung der WCAG2 geben wird, Federführend wird die Aktion Mensch das Projekt umsetzen, zusammen mit der österreichischen Organisation accessible media und access4all aus der Schweiz. Weitere Organisationen sind eingeladen am Prozess teilzunehmen.

Die letzte Gesprächsrunde zum Thema „Der Geschäftswert von Barrierefreiheit“ war leider arm an konkreten Zahlen und Vergleichswerten, dafür reich an Text auf den Powerpoint-Folien. Interessant war es trotzdem.

Insgesamt gerade aufgrund der internationalen Beteiligung eine der besten Konferenzen bei denen ich teilnehmen durfte, das Rahmenprogramm und die Inhalte waren perfekt aufeinander abgestimmt. Einen großen Respekt an Martin Kliehm und Namics für die perfekte Organisation. Eine Teilnahme bei Ausgabe 2 ist unter allen Umständen Pflicht!

Alle Videos werden (auf deutsch und englisch) auf Vimeo veröffentlicht (was dann auch bedeutet, dass mein Beitrag, der auf englisch war, mit einer anderen deutschen Stimme veröffentlicht wird. Wie seltsam das klingt kann man bei Chris Heilmanns Präsentation anschauen.)