Vor einigen Wochen fand ich auf Facebook eine Veranstaltung mit dem Namen „Twitter for Tweafs?“, also „Twitter für Gehörlose“. Da ich mich im Rahmen von Web Accessibility und e-Inclusion auch dafür interessiere wie u.a. gehörlose Menschen das Internet genau nutzen, habe ich mich einfach mal angemeldet, zumal Jo Spelbrink den Vortrag hielt.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht realisiert, dass der Vortrag (der immerhin vom „Verein österreichischer gehörloser Studierende“ organisiert wurde) nur in ÖGS(Österreichische Gebärdensprache) gehalten werden würde. Erst als Jo mich per Skype anschrieb fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Jo versprach zu versuchen eine Dolmetschung für mich aufzutreiben, damit es für mich möglich wäre dem Vortrag zu folgen.

Letzten Freitag startete dann dieses Selbstexperiment: Wie reagiert man, wenn man die Sprache nicht versteht? Wie gehen Gehörlose miteinander um? Wie nutzen sie Web-2.0-Tools?

Vielen Dank an Eva Böhm, die das komplexe Thema über mehr als zwei Stunden für mich übersetzte und dabei einen guten Job machte obwohl sie keine geprüfte Dolmetscherin ist und sich nicht wie sonst üblich alle 20 Minuten mit einem Kollegen/einer Kollegin abwechseln konnte.

Jo stellte in seinem Vortrag viele Soziale Plattformen vor, neben Twitter auch Vimeo oder die Videochatplattform tinychat. Überhaupt seien gehörlose Menschen sehr aktiv, vor allem auf Facebook. Twitter sei ebenso optimal, da die kurze, flüchtige Form die Angst nimmt Fehler in Schriftsprache zu machen. Diese unterscheidet sich nämlich grundlegend in der Grammatik von Gebärdensprache.

Immer wieder wurden verschiedene Gebärden für die Namen von Webseiten diskutiert, was mich als hörenden auch an die Diskussionen zur Aussprache von manchen Webseiten erinnerte (Xing als „Gsing“, „Ksching“ oder gar „Crossing“).

Als Fazit kann ich festhalten, dass ich ohne Übersetzung wohl nicht weit gekommen wäre, der Stellenwert eines Dolmetschers (für die Zuschauer) bei mir ist definitiv noch weiter gestiegen.

Ich bedanke mich beim VÖGS für die Möglichkeit an der Veranstaltung teilzunehmen, ich fühlte mich sehr willkommen. Diese Art der gegenseitigen Inklusion ist noch viel zu wenig verbreitet doch man gewinnt wirklich wichtige Einblicke, wenn man sich diese Sachen einfach mal persönlich anschaut. Gebärdensprachdolmetschung muss auf so vielen Veranstaltungen wie möglich zum Standard werden, egal ob von gehörlosen oder hörenden Menschen veranstaltet, egal wie das Zielpublikum strukturiert ist.

Die Veranstalter des Webmontags in Frankfurt, Thorsten Biedenkapp, Darren Cooper und in Abwesenheit Andreas Demmer haben nach Feedback zur Veranstaltung gefragt, und der Aufforderung komme ich gerne nach, zumal die Veranstaltung, die alle 2 Monate stattfindet, immer wieder sehr gut organisiert ist.

Die Themen am 8.6.2009 waren vielfältig, Klaus Eyber begann referierte zum Thema Korruption in der Informationstechnologie, ein wichtiges Thema interessant und unterhaltsam vorgetragen. Oberkraut Jens Grochtdreis zeigte dann „Gute Seiten – schlechte Seiten“ (Folien bei Slideshare) und stellte dort kurz gute und schlechte Webdesignbeispiele vor, letztere enthielten auch das glorreiche und peinliche Finanzamt Pirmasens-Zweibrücken.

Bilder auf Flickr

Der Vortrag „Wissens- und Kommunikations-Management mit Drupal“ enttäuschte mich, zeigte Carsten Logemann hauptsächlich allgemeinere Features des CMS wie Filterungsmöglichkeiten oder das allgemeine Anlegen von Seiten/Artikeln. So gerne ich einen besseren Einblick in Drupal bekommen würde, dieser Vortrag half mir dabei nicht. Der anschließende Vortrag von Björn Schotte über „Die Zukunft von Webanwendungen“ strotzte nicht nur vor Fachbegriffen sondern auch vor Keynote-Effekten, letztlich erklärte er, dass Webanwendungen in Zukunft aus verschiedenen Datenquellen bestehen und auch verteilt speichern werden. Zum Abschluss zeigte Ulrich Schroeter wie die CACert-Community nach und nach professionalisiert wurde und wird. Das ist nötig, damit die (SSL-)Zertifikate, die von CACert ausgestellt werden, in Browsern anerkannt werden.

Die Einführung einer Eieruhr führte dazu, dass die Vorträge weniger als 2 Stunden dauerten, was aber ziemlich lange war und meinetwegen gerne auf die Hälfte gekürzt werden könnte – aber Frankfurt kann sich eben vor Vortragewilligen nicht retten.

So hatten die fast 100 Teilnehmer(!) nur noch wenig Zeit für das anschließende Outro mit „Gruppenkuscheln“, was schade ist – schließlich ist das integraler Bestandteil solcher Veranstaltungen.

Ein Kurzer Ausschnitt aus Klaus Eybers Vortrag:

Dr. Klaus U. Eyber: Corruption Kills IT – Das Business Risk exzessiver Kundenbetreuung from yatil on Vimeo.

Nicht nur ich habe das schon oft erlebt, und es kommen auch andere Frontend-Webdesigner auf mich zu und erzählen die immer gleichen Geschichten: „Es ist nicht genug Budget für ordentliches Webdesign da!“ oder „Ich muss es pixelgenau so umsetzen wie der Grafiker das macht, dabei eignet sich sein Layout gar nicht.“ oder „Der Kunde verlangt Dinge, die sich einfach nicht gehören, das sieht total unprofessionell aus“.

Nun wäre es weder sinnvoll noch zielführend, wenn der Frontender die Hoheit über alle Aspekte eines Webprojekts hätte. Dennoch gilt: Er wurde wegen seiner Expertise ausgewählt und sollte zumindest angehört werden, wenn es um Streitfragen geht. Im Gegenzug ist es aber für ihn nicht akzeptabel Arbeit abzuliefern, die nicht seinen Qualitätsstandards entspricht, weil das gewählte CMS keinen guten Code unterstützt oder der Kunde die Vorstellung hat, dass überall scrollende Texte funktionieren.

In solchen Fällen empfehle ich, sich entweder durchzusetzen oder (geordnet) aus dem Projekt auszusteigen. Für was man sich letztlich entscheidet ist eine Frage der Wichtigkeit des Projekts, also ob es sich wirklich lohnt. Das hängt nicht nur von der Vergütung ab (die sollte die geringste Rolle spielen), sondern wie stark die eigenen Nerven bei einer Auseinandersetzung und anschließenden Umsetzung strapaziert werden würden und wie wichtig das Projekt für einen selbst/das Portfolio ist.

Entscheidet man sich für den Streit, so sollten alle Argumente gegen das Screendesign schriftlich und nachvollziehbar zusammengefasst werden und nach dem persönlichen Gespräch (sofern ein solches überhaupt stattfindet) auch schriftlich überreicht werden. Das kann zum einen dazu führen, dass sich der Auftraggeber mit den Argumenten noch einmal auseinander setzt, auch wenn das Gespräch ergebnislos verläuft. Andererseits kann er damit auch gegenüber seinem Grafiker auftreten und argumentieren.

„Potentieller Kunde schickt uns einen selbstgebastelten Screenshot. So soll es aussehen. Hobby-Site aus den 90ern. Werde die Sache absagen…“ Nicolai Schwarz (via Twitter)

Fällt die Entscheidung gegen die Auseinandersetzung, so sollte man ebenso souverän auftreten und darlegen, weshalb eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist. Gerade bei Agenturen, die ihren Kunden schöne Bilder zeigen und dann nur einen Codemonkey beauftragen, der irgendwie schnell und billig HTML und CSS (und möglichst barrierefrei und als CMS-Vorlage) zusammenbaut. Das kann manchmal lukrativ und stressfrei sein, manchmal nervenaufreibend, weil der Grafiker keine unterstrichenen Links haben will oder keine Indikatoren beim Überfahren mit der Maus vorgesehen sind. Oder weil der Grafiker denkt, dass Text in einer 400×250 Pixel großen Box mit Scrollbalken sei gut zu lesen.

Hier ist es unsere Aufgabe wirklich konsequent „Nein“ zu sagen und dadurch auch Industrieweit das Qualitätslevel anzuheben, wir müssen gemeinsam klar machen, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer „Webseite“ und einer „qualitativ hochwertigen Webseite“. Dann sind auch die Budgets für gute, barrierefreie Seiten da. Wenn wir sie nicht fordern, dann werden sie nie dort sein, wo sie nötig sind.

Und wenn ein Grafiker mal wieder schlechte, nicht webgerechte Arbeit abliefert, dann müssen wir bessere Arbeit einfordern und im Zweifelsfall auch aus dem Projekt aussteigen. Das solte natürlich auch in den eigenen Geschäftsbedingungen so festgelegt sein.

Die Rolle und Wichtigkeit von Frontend-Entwicklern wird zunehmen, die Applikationen verschieben sich ins Netz und auch normale Webseiten müssen immer besser werden um zu funktionieren. Es ist wichtig Qualitätsstandards jetzt zu setzen von denen wir alle in Zukunft profitieren.