Nach dem A-Tag ’09, der aus meiner Sicht ein voller Erfolg war (doch dazu später mehr an dieser Stelle), entspann sich eine Diskussion, über deren Richtung und Absicht ich doch verwundert bin. Genau geht es um den Vortrag von Chris Heilmann, Web Developer Evangelist bei Yahoo!.

Christiane Link schreibt, sie sei über den Vortrag gestolpert, weil sie auf Twitter davon gehört habe, dass Jens Grochtdreis in seinem Vortrag erwähnt habe, dass Barrierefreiheit im Internet ja erst am Anfang stehe. Sie zählt dann die gesamte Gesetzespalette auf, die es in verschiedenen Ländern gibt. In Deutschland beispielsweise die BITV. (Ich beziehe mich einfach jetzt darauf, weil es mir zu mühsam ist auf die Unterschiede, Disharmonien, Widersprüche und offenen Fragen auch noch in den unterschiedlichen Ländern einzugehen. Das ist ein Artikel – oder 5 – für sich.)

Das Problem ist: Alle Gesetze sind Soll-Zustände. Wovon Jens und Chris reden ist aber der Ist-Zustand und der ist katastrophal. Weder Jens, Chris noch ich sind gegen Gesetze. Doch wenn das Knowhow bei den Entwicklern fehlt, dann hilft auch das beste Gesetz nicht. Webseiten wie die des Finanzamtes Pirmasens-Zweibrücken sind Realität. Das sind öffentliche Seiten, die seit 2002 barrierefrei sein müssten und bei denen nichts passiert. Da helfen auch keine Gesetze.

Gesetze sind auch langsam. Die Annahme, dass Gesetze und Verordnungen aus 2002 im Web 2009 noch aktuell und wirksam sein können, ist sowieso absurd. Alle Technologien, die JavaScript einsetzen dürfen nach BITV1 ebenso wenig benutzt werden wie Flash-Videos oder andere neue Sachen. Diese aber vorzuenthalten (vor allem, weil sie technisch barrierefrei sein können) wäre meines Erachtens eine große Schande. Übrigens trat die letzte Länder-BITV am 1. Januar 2008 in Kraft, also gerade mal 6 Jahre nachdem es die Bundes-BITV gab. So lange gab es eben in Niedersachsen keine Verpflichtung, nichtmal im öffentlichen Bereich.

Aus dem Steuersystem kennen wir zudem das Phänomen, dass versucht wird Gesetzen zu entsprechen aber mit möglichst wenig Aufwand. Ich höre immer wieder bei Schulungen „Aber Level A reicht doch, oder?“ und Gesetzlich ist das wahrscheinlich so. Doch wir dürfen nicht beim Mindeststandard stehen bleiben, wir sollten einen anderen Anspruch haben.

Geradezu die Worte im Mund verdreht werden Christian dann seine Aussagen zur Geduld mit Webentwicklern. Da heißt es bei Christiane:

„Mit Geduld bringt man keinen amerikanischen Supermarktkonzern dazu, seine Webseite barrierefrei zu machen. Mit Geduld hätte es in Deutschland kein Behindertengleichstellungsgesetz samt BITV gegeben. Mit Geduld hätte ich mein Studium heute noch nicht beendet, weil kein Raum verlegt worden wäre.“

Bei Wolfgang:

„Er ist der Meinung (wie auf Folie 44 des Vortrags gezeigt), daß wir noch immer Geduld mit Entwicklern und Designern haben sollten. Wir sollten eher Verständnis für die Entwickler haben, die ja tolle Ideen haben, aber aus unterschiedlichen Gründen es nicht können. Wir sollten aufhören zu meckern gegen diese Entwickler und Designer.“

Beide Absätze zeigen deutlich, was Christian nicht gesagt hat. Er hat nicht gesagt: „Wir machen einfach nichts und gedulden uns bis etwas passiert.“ Im Gegenteil. Seine Aussagen zielten darauf ab gerade in den anwesenden Agenturen Kompetenz in Sachen Barrierefreiheit zu entwickeln und das den dort anwesenden Webdesignern geduldig aber bestimmt einzuimpfen. Wenn eine HTML-Vorlage den Qualitätsstandards nicht genügt, dann geht die zurück und die Fehler müssen im Gespräch behoben werden. Das ist ein Prozess des gegenseitigen Austauschs, bei Yahoo! gibt es regelmäßige Code-Reviews, wo sich Entwickler zusammen tun um gegenseitig voneinander zu lernen.

Mir ist kaum eine Agentur aus dem DACH-Bereich bekannt, die sich so über Webseitenqualität Gedanken macht, überhaupt gibt es vielleicht eine Handvoll Agenturen, die gute barrierefreie Webseiten macht. Da ist ein Riesenpotenzial, das es noch auszunutzen gilt. Ich bin bereit mein Wissen zu teilen, auch sehr geduldig. Ungeduld können wir uns nicht leisten. Ich will Webseiten, die nicht erst nach einer Klage barrierefrei sind (ich denke aber, dass es dieses Instrument geben muss). Barrierefreiheit muss zum Standard-Repertoire gehören.

9 Gedanken zu “Barrierefreiheit nachhaltig verankern

  1. Um es gleich vorwegzuschicken: Ich finde Deine Äußerungen wichtig und richtig. Allerdings ist Barrierefreiheit nicht so leicht zu greifen und so sehr ich den Ausführungen von Christian Heilmann immer ein “Jawoll!” hinterherschicken möchte: Nicht jeder ist sein eigenes Yahoo! Klar, viele Agenturen kochen in ihrem eigenen Saft, ihrem eigenen CMS, ihrem eigenen XYZ. Mancher Freelancer ist da schon besser, wenngleich immer noch fokussiert auf bestimmte Lösungen. Aber es ist – und das darf man nicht vergessen – schon ein Luxus, wie Yahoo oder auch Google und Microsoft mit Entwicklern und überhaupt mit Kreativpotential umgehen. Aber Hand aufs Herz: Wer von uns hat dafür die Zeit? Es gibt jene Wenigen, die Du erwähnst, die in der Lage sind, Gutes zu tun und Barrierefreiheit, Webstandards sowie moderne Entwicklung unter einen Hut zu bringen. Dazu gehört Ausdauer, Leidensbereitschaft und allen voran ein Kunde, der das mitträgt. Von daher stimme ich einem Satz Deiner Ausführungen zu: Ungeduld können wir uns nicht leisten. Wir brauchen mit einer Gruppe sehr viel mehr Geduld und diese Gruppe braucht auch viel mehr Aufmerksamkeit: Kunden.

  2. Tja, das Instrument der Klage existiert in Deutschland faktisch nicht. Es ist zahnlos und wird nicht angewendet, weil die Verbände anscheinend mit den Behörden die stille Übereinkunft haben, dass man die Hand, die einen füttert, nicht beißt. Wichtiger ist es vielmehr, von Politikern als Lobby wahrgenommen zu werden und sich seine Pfründe zu sichern statt wirklich etwas für Menschen mit Behinderungen zu erreichen.

  3. Ich finde Deine Artikel und das Hervorheben der gar nicht so unterschiedlichen Standpunkt sehr gut.

  4. Genau. Barrierefreiheit muss zum Standard für jede Agentur werden, die sich in den nächsten 10 Jahren über Wasser halten will. Aber wie mit allen Fähigkeiten, muss man die sich aneignen. Wie, wann und wo ist relativ egal. Das ist Teil des Geschäfts. Wenn ich an die öffentliche Hand liefere, muss ich noch viel mehr Dinge können und haben als Barrierefreiheitskenntnisse. Letztendlich geht es um Professionalität.

    Barrierefreiheit ist auch kein Hexenwerk, setzt kein Abitur voraus, sondern nur Bereitschaft, für alle Nutzer Seiten zu bauen und sich an bestimmte Dinge zu halten. Dafür brauche ich keine Geduld. Man muss es einfach machen. Die Nicht-Barrierefreiheit scheitert doch nicht daran, dass es niemand erklärt oder es schwer ist, sich zu informieren. In vielen Fällen fehlt der Wille oder es ist pure Ignoranz. Da kommt man mit Geduld überhaupt nicht weiter. Seiten, die aus Unwissenheit Mängel haben, aber man sich bemüht hat, barrierefrei zu sein, sind doch in den wenigsten Fällen das Problem. Meinst Du die Banken in UK haben ihre Webseiten mehrheitlich barrierefrei und bieten barrierefreies Online-Banking an, weil sie jemand mit Geduld darum gebeten hat und weil sie so sozial sind? Nein, die machen das, weil es Gesetz ist und eine Bank halt macht, was sie machen muss. Und weil sie im Zweifelsfall ziemlich gut darin sind, Pflichtenhefte aufzustellen und abzuprüfen.

    Übrigens glaube ich nicht, dass das Finanzamt Pirmasens seit 2002 wirklich barrierefrei sein müsste. Das regelt das Gleichstellungsgesetz für Rheinland-Pfalz, nicht das Bundesgesetz. Ja, finde ich auch bescheuert, ist aber so. Abgesehen davon gebe ich Dir recht, es gibt Seiten, die barrierefrei sein müssten, es aber nicht sind. Grundsätzlich gilt aber der Grundsatz “Wo kein Kläger, da kein Richter.” Auch bei der Barrierefreiheit. Ich finde Martins Klagsverband in Österreich schon ziemlich gut. Denn der setzt genau bei dem Problem an.

  5. Als ich zur EfA-Tagung 2008 eingeladen wurde, um gemeinsam mit Markus Angermaier und Gerrit van Aaken unter der Moderation Steffen Büffl über Zukunftsvisionen im barrierefreien Websign zu diskutieren (Soll-Zustand), überraschte mich aber während dem Workshop die Tatsache, dass hauptsächlich der Status Quo diskutiert wurde (IST-Zustand). Erst in den Wochen darauf wurde es mir immer mehr bewusst, wir sehr das BITV im Gegensatz zu dem damals kurz bevorstehenden WCAG 2.0 zum Hemmschuh wurde (in Österreich zählt direkt jeweils der aktuellste Stand des W3C). Ich fragte dann Markus Angermeier, ob meine Vermutung zuträfe, er bejahte es damals. Ich versuchte auch mit Steffen Büffl die Eindrücke auszutauschen, um auch seine Sicht als Moderator zu erfahren. Mir war der Dialog aus unterschiedlichen Perspektiven einfach wichtig. Ich merkte, wie sehr diese Zustände das wahre Potenzial der ganzen Materie verhindern. Jetzt den Sprung zurück zu 2009: es ist wie ein Dejavu. Es hat nichts an Aktualität verloren.

  6. Christiane, ich gehe auf deinen Kommentar nicht ein, weil du immer noch davon aus gehst, dass wer-auch-immer vorgeschlagen hat mit Organisationen geduldig zu sein. Das ist nicht wahr. Es geht um die 1:1-Situationen in Agenturen und In-House-Teams. Das Endprodukt muss barrierefrei sein, da sind wir uns doch einig und niemand spricht da von Geduld. Deine Definition von Geduld als „Aussitzen“ hat nie jemand gemeint. Wie ich oben schon einmal geschrieben habe.

  7. Es geht mir nicht ums “Aussitzen”. Es geht mir um professionelles Arbeiten. Wenn eine Agentur sich um einen Auftrag bemüht, dann muss sie Know How mitbringen, zunehmend auch im Bereich Barrierefreiheit. Wie und wo sie das bekommt, ist relativ egal. Barrierefreiheit ist kein Hexenwerk, sondern kann gelernt werden wie andere Dinge im Entwicklerbereich auch. Ich glaube auch nicht, dass die meisten Agenturen das nicht könnten, wenn sie wollten.

    Wenn ich mich in UK um einen Auftrag der öffentlichen Hand bewerbe, brauche ich für mein Unternehmen mehrere Dinge. Unter anderem eine Umwelt-Policy. Vorher lassen die mein Unternehmen gar nicht zum Verfahren zu. Was in die Policy rein muss und wie ich die erfülle, muss ich mir irgendwie selbst aneignen. Wie und wo interessiert den Auftraggeber nicht. Es zählt, was am Ende rauskommt. Und das ist auch richtig so. Es gibt nämlich genug Unternehmen auf dem Markt, die eine Umwelt-Policy haben.

    Wer Geld verdienen will, muss etwas bieten. Nur weil es zufällig um behinderte User geht, kann man doch nicht ein Weniger an professionellem Handeln verlangen.
    Barrierefreiheit ist Teil eines Business, zumindest bei Aufträgen der öffentlichen Hand und der Wirtschaft. Und ich habe noch keinen Unternehmer gehört, der sagt, man solle Geduld mit seinen inkompetenten Mitarbeitern haben. Die müssten das erst noch lernen.

    Wer wirklich Weiterbildung bräuchte, wären die Auftraggeber der öffentlichen Hand. Damit die sich nicht ein U fürn X verkaufen lassen, wissen wie ein gutes Pflichtenheft aussieht und am Ende überprüfen können, ob sie zumindest ungefähr das bekommen haben, was sie bestellt haben.

  8. “Barrierefreiheit ist auch kein Hexenwerk, setzt kein Abitur voraus, sondern nur Bereitschaft, für alle Nutzer Seiten zu bauen und sich an bestimmte Dinge zu halten. Dafür brauche ich keine Geduld. Man muss es einfach machen.”

    Solche Sätze (Zitat Christiane) lassen mich immer aufhorchen. Auch wenn es hier im Kern wohl um die technische Umsetzung von Barrierefreiheit geht, steckt hinter barrierefreien Webseiten doch ein bisschen mehr.

    Denkt bitte auch an größere Webseiten, an die Internet-Redakteure, die massenhaft zugelieferte Texte umformulieren müssen, damit aus BEHÖRDENDEUTSCH behördendeutsch wird (ohne Abitur?). Die pro Jahr hunderte von PDF-Dateien barrierefrei gestalten müssen, die woher auch wissen sollen, wie man (mal eben?) ein Video mit einer Audiotranskription versehen kann.

    Allein die Diskussion um die sinnvolle Formulierung von Alternativtexten für Bilder oder die richtige Verwendung des title-Attributes bei Links oder oder oder in der Szene rund um EFA und Co. treibt dem “armen” Finanzbeamten in Pirmasens-Zweibrücken den Schweiß auf die Stirn – zumindest, wenn er nebenbei auch noch für den Internetauftritt zuständig ist.

    Komme ich nach diesem kleinen “Seelenfurz” über das permanente Ausblenden von Redaktionswirklichkeiten bei einer oft allzu technokratischen Debatte um Barrierefreiheit zum guten Ende: Der Vortrag von Christian Heilmann auf BOA 09 war bei aller xml-javascript-html-überschwemmten Power ein wahrer Energieschub für alle an Barrierefreiheit Interessierten.
    Der Spaß der Erinnerung ist mir bis heute nicht vergangen. Mehr davon!

  9. Hallo Eric,

    ich glaub du missinterpretierst mich bei dem Zitat auch etwas :) Übrigens hab ich dort auch fast wörtlich das aufgeschrieben was er laut Tonspur sagte.
    Ich wünschte mir, ich hätte so Firmen und Leute wie Christian, die etwas für mich machen würden!
    Wenn es doch nur überall so wie bei Yahoo wäre, wäre es wirklich toll.

    Aber die Realität ist einfach nur grausam. Dauernd werden gutgläubige Auftraggeber von unseriösen Agenturen über den Tisch gezogen. Diese Agenturen missbrauchen das Wort Barrierefreihei als Marketingbegriff, während sie IE-optimierte Websites hinrotzen, die von keinem farbfehlsichtigen Menschen erkannt werden können.

    Christian erzählt etwas von der Herstellung von Trüffel. Während die Leute an Hunger sterben.

    Ich hab es mal heute in einem neuen Artikel verdeutlich.

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