Das Web 2.0 ist in aller Munde, Blogs und Wikis – teilweise 15 Jahre alte Technik – sind die Revolution im Internet. Millionen von Leuten versammeln sich in Social Networks.

In Wirklichkeit ist der Begriff „Web 2.0“ so gehaltvoll wie Eis am Nordpol oder Sand in der Sahara. Er ist ein Marketing-Gag, eine leicht zu merkende Phrase für einen selbstverständlichen Umgang mit Onlinemedien, mit dem Medium Internet. „Web 2.0“ sagt nichts. Überhaupt nichts.

„Social Networks“ sind was neues? Die gibt’s im „Real Life“ schon seit tausenden von Jahren, vor einigen Jahren nannte man das, was jetzt übers Netz abgewickelt wird vielleicht noch Stammtisch. Wenn überhaupt. Ein Social Network ist nämlich auch anonym. Man hat seinen selbstgewählten Bekanntenkreis, mit dem man sich ab und an mal austauscht. E-Mail nannte man das noch vor wenigen Jahren, heute bekommt man eine E-Mail nur noch, um darin auf einen Link zu klicken, der dich zur Nachricht in dem Nachrichtensystem deines Social Networks bringt.

Letztlich ist das einzige Online-Social-Network, das man braucht, das Internet selbst. Es bietet einem alles, was ein „Social Network“ braucht: Vernetzung („Links“), Kommunikation („E-Mail“, „Instant Messenger“) und die Möglichkeit gefunden zu werden („Google“).

Anstatt die Vorzüge von offenen Techniken und Schnittstellen aufzuzeigen werden Firmen beraten, oft unter der Vorgabe den heiligen Web-2.0-Internet-Gral gefunden zu haben. Welcher nicht existiert.

Wikis können in Firmen funktionieren, müssen aber nicht. Blogs können für Firmen funktionieren, müssen aber nicht. Es kommt individuell auf den Menschen an, der die Technik bedienen soll. In einem jungen, hippen, in eineinhalb Jahren sowieso bankrotten Startup kann das funktionieren, weil viele die gleiche Einstellung haben. In großen Firmen wird das schwieriger. Es gibt kein Patentrezept, auch wenn mittlerweile jeder sein eigenes gefunden zu haben scheint.

„Ein Blog aufzumachen nur um Geld zu verdienen ist wie Bauchreden zu lernen um Mädels zu treffen.“ Merlin Mann

Das „Web 2.0“ ist vor allem ein Tummelplatz der Meinungsmacher und Nutznießer eines kaputten Systems. Das sind die, die mit der Prämisse Webseiten veröffentlichen, möglichst viel Geld zu verdienen zu wollen. Leute, die ständig auf der Akquise nach neuen Lesern sind um den Trigamipreis noch um einen Euro in die Höhe zu treiben, die auf „Sozialen Plattformen“ ihre „Freunde“ einladen doch bitte „Fan“ ihres Blogs zu werden. Gerne auch dreimal in der Woche, mit einer E-Mail in der ich auf einen Link klicken muss um dann zum Social… Ihr wisst, was ich meine.

Im „Web 2.0“ hat der eine Stimme, der es schafft in der schnellsten Frequenz hintereinander heiße Luft abzusetzen. Da ist es dann auch egal, ob die Rechtschreibung stimmt, alle Standards für Webcredibility sind ausgehebelt.

Und dann gibt’s Barcamps, Veranstaltungen auf denen eigentlich vor gedacht werden sollte, wo es interessante Konversationen gibt. Besonders krass fiel das während der parallelen Barcamps in Essen und Brighton auf: Samstag ist der Tag zum sehen und gesehen werden, das gesamte Themenspektrum wird oberflächlich behandelt, Sonntags kommt man eigentlich nur noch fürs Frühstück und nach dem Mittagessen packt man die Sachen und sucht so schnell wie möglich das Weite, möglichst ohne eine Session selbst gehalten zu haben – das macht ja Arbeit – oder mit einer recycelten Session. So zumindest die Außenansicht beim Ruhr-BarCamp.

Anders in England: da ging es nicht nur über Nacht, die Themen wurden viel spezieller und in kleinerem Kreis diskutiert, es scheint viel weniger Präsentationen gegeben zu haben, die gehalten wurden. Die bisherigen BarCamps auf denen ich war, waren mehr so Klassentreffen der deutschsprachigen Web-2.0-Menschen. Es war schön, die Gesichter zu den Avataren zu sehen, aber wirklich neue Erkenntnisse hat das nicht gebracht. Es ist bezeichnend, dass das Brightoner BarCamp tatsächlich Sonntags bis in die Abendstunden ging und es spannende neue Dinge abseits vom Marketing-Web gab.

Deutlich ist der Unterschied zwischen deutschen und englischen Barcamps vielleicht an den jeweiligen Grids, also den Sessionplänen zu erkennen: Essen und Brighton.

Es ist keine Frage, dass sich mit „Web 2.0“ eine Menge Geld verdienen lässt (zum Beispiel 990€ pro Person für ein zweitägiges Seminar in dem Wiki und Blog erklärt werden und wie man sie einsetzt) – das sei denjenigen auch unbenommen. Aber dieser Hype wird nicht von langer Dauer sein. Die Zukunft des Netzes ist im freien Datenaustausch aufgrund von bestehenden Standards, sie findet nicht in Walled Gardens statt, egal ob die Zäune blau, rot oder orange lackiert sind.

Zum Schluss noch eine Video-Empfehlung: Gary Vaynerchuk – The 80/20 Business rule…..heck Life. Die Regel besagt: Gib mir 20% und ich bin bereit die 80% zu geben, die es braucht um ein Erfolg zu werden. Im moment habe ich das Gefühl, dass viele 20% geben und hoffen, dass das „Web 2.0“ die restlichen 80% erledigt. Was es nicht tun wird.

Von Zeit zu Zeit bekomme ich halbdubiose E-Mails mit der Anfrage, ob ich nicht an einem Linktausch teilnehmen möchte.

Das sei gut für das Suchmaschinen-Ranking und überhaupt lässt sich dann super viel Geld mit Adsense und Werbung verdienen, irgendwann.

Nein, will ich nicht!

Wenn ich auf eine Seite verlinke, dann innerhalb eines Artikels und auch nur weil ich den Inhalt gut finde (oder weil es eine bezahlte, als Werbung gekennzeichnete Einschaltung ist). Ich werde nicht jemanden verlinken, nur weil er mich verlinkt.

Deshalb habe ich auch keine Blogroll. Die wird mir nämlich zu selten aktualisiert, als das sie einen konkreten Nutzwert hätte.

Übrigens sind Seiten, deren Inhaber sich so anbiedern muss, eine Verlinkung sicherlich nicht wert:

Hallo Webmaster-Kollege,

ich habe mir soeben deine Web-Site angeschaut und bin zu dem Entschluss gekommen, dir eine Linktausch-Partnerschaft anzubieten. Ich stelle einen Link (unter Partner) zu deiner Seite auf meine Web-Site und eben andersrum.

Im Zuge von Pageranks und Suchmaschinenranking (Link Popularity) ist das sicherlich eine förderliche Sache für uns beide. Ich habe deshalb deine Seite schon auf meiner Website eingebunden [… URL der Seite auf der ein Link zu einer Unterseite von mir eingebunden ist, Anm. d. Autors …] … Gib mir kurz Bescheid wie deine Entscheidung ausfällt, weil ohne Gegenleistung belasse ich deinen Link natürlich nicht auf meiner Seite.

Wenn du Interesse hast kannst du auch an meinem Partnerprogramm teilnehmen und mit deiner ID den Linktausch machen. Mit dem Handbuch „[Thema: Sportwetten, Anm. d. Autors]“ vertreibe ich ein hochinteressantes E-Book. Bei Google AdWords habe ich eine Conversion-Rate von 2,9!

Überlege es dir und gib mir bitte kurz Bescheid. Eine absolute Win-Win-Kiste für uns!

Und vielleicht interessiert dich ja speziell auch mein E-Book. Mit Sportwetten selbständig und dauerhaft eine Einkommensquelle sichern! Wie gesagt: Hochinteressanter Stoff.

In diesem Sinne viele Grüße

Ich weiß ja nicht ob der Autor der E-Mail hochinteressanten Stoff nahm – und wenn ja welchen -, aber Sportwetten sind echt nicht mein Metier. Und wo ein Link von einer PR0-Unterseite eine Win-Win-Situation für mich sein soll, verstehe ich auch nicht.

Und das mit der Gegenleistung kann man im freien Internet vergessen. Das ist eine der miesesten, fast erpresserischen Maschen, die ich in letzter Zeit gehört habe. Die anderen haben wenigstens nachgefragt bevor sie mich verlinkt haben und es dann einfach gelassen, nachdem ich mein nicht vorhandenes Interesse bekundet habe.

Ich habe nichts gegen ein gegenseitiges Verlinken (auch, wenn ich es hier nicht tue), aber nicht, wenn es eindeutige einseitig kommerzielle Absichten dahinter stehen. Bei einer privaten Anfrage hätte ich diesen Blog-Eintrag nicht geschrieben, doch auf diese Weise funktioniert das einfach nicht.

Wer für mich interessante Inhalte schreibt hat gute Chancen von mir verlinkt zu werden. Wer per E-Mail um einen Link bittet wird im besten Fall bemitleidet, im schlechtesten Fall ausgelacht. Also lasst es einfach.

Nachtrag: Übrigens fände ich es schon nett mit Namen angeschrieben zu werden, wenn man schon meine E-Mail-Adresse heraussucht…

(Übrigens werde ich von meinem Hausrecht gebrauch machen und auch in den Kommentaren jede URL zu der Seite löschen, falls sich der Urheber der E-Mail hier äußert oder sonst jemand einen Link zur Seite postet. Danke.)

Bis vorgestern habe ich exzessiv getwittert. Im Moment mache ich einen Sabbat, der unbestimmte Zeit dauern wird. Da es Nachfragen gibt, weshalb ich diesen Schritt getan habe, möchte ich hier meine Gründe darlegen:

Zuerst: Twitter ist cool und nützlich. Twitter hilft mit vielen coolen Leuten in Kontakt zu stehen, Meinungen auszutauschen und sorgt generell dafür andere Menschen aus dem Netz besser kennen zu lernen und wirklich am Ball zu bleiben. Bestes Beispiel sind Barcamp-Anmeldungen. Über Twitter verbreiteten sie sich solche Nachrichten unheimlich schnell.

Was mich aber zuletzt an Twitter nervte ist das vermehrte, ständige Rauschen. Unnötige informationslose, teilweise exzessive, Selbstgespräche und jeden Tag die gleichen Grabenkämpfe: Windows gegen MacOS, Microsoft gegen Apple und iPhone gegen [beliebiges Handymodell einsetzen].

Für mich ist das belanglos. Ja, es ist in Ordnung, wenn jemand über das iPhone schreibt und es ist auch okay, wenn jemand über sein N95 schreibt. Es muss jedoch nicht jedem iPhone-Tweet ein Aber-mein-N95-ist-doch-eh-viel-besser-Tweet folgen.

Immer und immer wieder das selbe zu lesen, das hat mir Twitter zuletzt vermiest. Manche lassen ihre Feeds nach Twitter importieren. Wofür hab ich denn einen Feedreader? Wenn mich die Person interessiert, dann muss mich ihr Blog nicht interessieren. Und wenn es mich interessiert, dann abonniere ich es.

Eventuell hätte ich am Anfang besser selektieren müssen, nicht jedem folgen, der etwas interessant klingt und eventuell mal was von interesse twittern könnte. Aber ich habe beileibe keine Lust – jedenfalls im Moment – 237 Kontakte durchzugehen und dort auszumisten. Vielleicht werde ich das mal machen, aber nicht in nächster Zeit.

So lange genieße ich meine „ungestörten“ Tage…

(PS: Übrigens hat mich Twitter auch ein wenig vom Bloggen abgehalten, ihr werdet das also vermutlich bald zu schätzen wissen.)