Internetangebote haben immer noch ein großes Akzeptanzproblem bei großen Teilen der Bevölkerung. Man kann „da“ ja niemand trauen! In Wirklichkeit sind die meisten großen Webseiten nur Kopien von DPA-Meldungen.

Die „Online-Redaktionen“ sind zu klein bemessen und haben keine Freiheit zu recherchieren. Die meisten dieser Redaktionen haben kaum eine Möglichkeit während ihren Arbeitszeiten die Redaktionsräume zu verlassen. Das liegt vor allem daran, dass die Webseiten meist als Anhängsel zu einem Print- oder TV-Produkt verstanden werden und nicht als eigenständiges Medium.

Vergleicht man am Montag morgen die Homepages von Spiegel, Stern und Focus so sieht man, dass Eva Herman anscheinend eine sehr große Relevanz hat, steht sie doch bei Spiegel und Focus auf dem zweiten Platz, was die Berichterstattung angeht. Beim Stern ist ihr Rauswurf beim NDR sogar die Hauptmeldung.

Vielleicht unterschätze ich da Eva Herman, aber sie scheint mir doch eher eine Randnotiz wert zu sein. Ich glaube, dass diese Überschäumende Berichterstattung daher kommt, dass Quantität wichtiger ist als Qualität. Eine Online-Publikation muss schneller sein und die meisten Meldungen veröffentlichen. Sonst ist die Seite ja nicht aktuell.

Der „Deutsche Herbst“ in Webpublikationen

Auf der anderen Seite sind es gerade Printpublikationen, die das Web nutzen um Übersicht über komplexe Themen zu geben. So hat jedes der „großen“ Angebote eine Themenseite zum Thema „Deutscher Herbst 1977“. Dabei wird klar, wie getrennt die einzelnen Bereiche so einer Onlineredaktion arbeiten.

Beispiel Spiegel: Da wird die Seitenleiste etwas angepasst, im Hauptbereich stehen aber nur Anreißertexte zu Artikeln. Eine chronologische Übersicht findet sich als Flash-Animation im unteren Drittel der Seite im Bereich „Multimedia“. Diese enthält aber keine Querverweise auf Artikel. Es ist schade, wenn man sich die Informationen, die beim Spiegel sicherlich reichlich vorhanden sind, zusammensuchen muss.

Beim Stern ist zu Beginn der Seite kaum ersichtlich, dass sich eine fünfteilige Serie im Angebot befindet. Der erste Abschnitt der Seite ist mit „Aktuelles“ überschrieben und man erwartet eigentlich nicht, dass darunter noch spezielle Artikel stehen. Und die Stern-Redakteure bedienen sich eines der anscheinend besten Mittel zur Informationsvermittlung: Fotostrecken.

Beim Focus scheinen die Artikel auch ohne Sinn chronologisch hintereinander aufgereiht zu sein. Es gibt auch hier „Bildergalerien“ und ein Video zum Thema. Eventuell ganz nett ist auch die Möglichkeit sich die Geschehnisse in Google Earth nochmals geografisch vor Augen führen zu lassen, bietet aber mir zu wenige Zusatzinformationen um wirklich nützlich zu sein. Eine richtig interessante Art der Berichterstattung, nämlich ein Tagebuch, das die Geschehnisse im Herbst 1977 nachzeichnet, verbirgt sich direkt unter dem Banner, welches das Thema illustriert. „Vom 5. September bis zum 18. Oktober beschreibt […] Markus Krischer in einem Tagebuch die Schreckensereignisse des Deutschen Herbstes 1977. Minutiös rekonstruiert er jeden Tag nach.“ – Das hat durchaus Potential und scheint mir eine sinnvolle Nutzung des Mediums zu sein. Leider sind die Artikel sehr lang.

Die Welt macht so etwas ähnliches. Auf ihrer Übersichtsseite zum Thema aber wimmelt es so von unübersichtlichen Querverlinkungen, dass man davon ausgehen kann, dass die Seite nicht speziell dafür angelegt wurde. Wie erklärt es sich sonst, dass mit dem Text „RAF: Ex-Terrorist enthüllt Namen der Schleyer-Mörder“ gleich viermal auf den entsprechenden Artikel verlinkt wird – wo doch nur die Anreißer von 5 Artikeln auf der Seite zu finden sind.

Allgemein stört mich, dass sich die entsprechenden Redaktionen nicht die Mühe gemacht haben ihre Artikel durch ein entsprechendes Layout zu betonen. Das ist ein Vorgang, der in der Magazinwelt in jeder Ausgabe für jeden Artikel durchlaufen wird. Online aber muss alles in die 0815-Schablone passen in die auch DPA-Meldungen passen und Blogs und Nutzerkommentare. Das ist genau der Vorgang bei dem diese Online-Magazine ihre Leser verlieren: Es gibt keine Detailverliebtheit wie im Print. Nur gleich ausschauende, uniforme Seiten ohne Seele.

Vorbild NYTimes.com?

Gibt es Vorbilder? Nicht wirklich. Die New York Times schafft es manchmal, wie bei einer Serie über die Umweltverschmutzung in China, das Standard-Layout zu durchbrechen. Gleichzeitig haben sie eine tolle Redaktion, die sich ausschließlich mit Infografiken beschäftigt, zum Beispiel zu den verschiedenen Stadtteilen Bagdads. Hier wird das Medium dazu genutzt um Teile der Seite zu Verknüpfen und um wirkliche Information zu transportieren. Und Bildergalerien sehen auch anders aus – irgendwie reduziert und aufs wesentliche beschränkt. Das ist eine Tugend, die sich europäische Magazine abschauen sollten.

Die Betreiber von Webseiten müssen begreifen, dass sie nicht das Web verstanden haben indem sie Nutzerkommentare und Blogs zulassen. Das kann ein Teil eines Gesamtpakets sein. Wichtiger ist jedoch die Liebe und der Einsatz mit dem die Information transportiert wird. Und da sieht es in Deutschland doch relativ lieblos aus.

Oder täusche ich mich da? Gibt es gute Informationsangebote mit Seele? Und wenn ja, warum habe ich sie übersehen? Für Anmerkungen, Kommentare und Hinweise bin ich immer Dankbar.

4 Gedanken zu “Das Web als Medium ernst nehmen

  1. Nun man muss beim Thema schon realistisch bleiben. Eine NYT hat dank ihres internationalen Anspruchs eine ganz andere Liga von Leserschaft (primär in schlichten Zahlen), als ein deutschprachiges Pendant. Wo mehr Leser, da ein größeres Budget und so ein besseres Ergebnis.

    Richtig erkannt dennoch, dass national der Webauftritt immer noch als Anhängsel zum Print gesehen wird. Während die Times langsam realisiert, dass im Web mehr zu holen ist, wird bei uns noch eine Weile der Webauftritt das Stiefkind der Print-Redaktion bleiben. Man versucht hier in erster Linie mit Masse zu protzen, auch weil dies effektiv möglich ist. Ein Pflege weniger Artikel ist schwierig und teurer, als das Einpflegen simpler Agentur-Meldungen im Akkord.

    Ich vermute mal, dass es den Print-Magazinen finanziell noch nicht so schlecht geht, um dem Webauftritt mehr Sorgfalt geben zu müssen. Die Ironie an der Geschichte ist, dass hierzulande Journalisten immer noch Blogs belächeln und als sorgloses Aneinandereihen von substanzlosen Texten abtun. Die Online-Versionen der hier aufgeführten Magazine, unterscheiden sich von dieser Formulierung auch nicht wirklich. Da geht man mit ganz schlechtem Beispiel vorran und zeigt dennoch mit dem Finger auf andere.

  2. Im deutschsprachigen Bereich sieht es auch meiner Meingung nach leider wirklich eher mager aus (lasse mich aber auch gerne vom Gegenteil überzeugen). Vorbild könnte meiner Meinung nach folgende Zeitung sein:

    http://ljworld.com

    Eine ehre kleine lokale Zeitung für Lawrence, Kansas die sich stark auf lokale News und lokales Informationsangebot spezialisiert hat. Ich denke wenn man sich davon inspirieren lässt, kann man als Zeitung online nicht nur bestehen, sondern sogar den Markt erweitern (vergleichbar mit derzeit populären gratis-Ubahn Zeitungen nur mit grösserem Potential).

    Hier eine interessante Präsentation dazu von Simon Willison:

    http://www.slideshare.net/simon/doing-local-right

    In den internationalen Newsmarkt reinzukommen, und so den Markt zu erweitern halte ich, vor allem für deutschsprachige Zeitungen als ziemlich schwierig.

    Ich stimme dir auch zu, dass wohl zu wenig Wert gelegt wird auf qualitative Berichterstattung (die ja genau das ist, was von anderen Angeboten differenzieren kann) und eher auf Masse gesetzt wird, was man jedoch mit News Aggregatoren wie Google News um einiges effizienter schaffen kann.

    Was mir auch fehlt ist eine Art Filter für den Leser. Bei einer Printzeitung muss ich alles ausliefern, was für die meisten interessant sein kann. Bei einer Onlinezeitung könnte ich dem Benutzer genau das liefern für das er sich interessiert. Entweder aufgrund der Artikel die er aktiv gelesen hat (Amazon-style) oder aufgrund von aktiven auswahlen die der Besucher manuell tätigt. Die angebotenen Feeds für bestimmte Kategorien sind schon mal ein guter Schritt in die Richtung.

    (Webadressen verlinkt — Eric)

  3. Danke für die Kommentare.

    chrismue: Vor allem aufgrund des größeren Leserkreises und des damit verbundenen größeren Budgets habe ich ja die NYT nicht als wirkliches Vorbild bezeichnet. Allerdings hat sie durchaus übertragbare Ansätze.

    ichigo: Völlig richtig, Lokalität wird in deutschsprachigen Ländern noch sehr klein geschrieben. Am Beispiel der Pirmasenser Zeitung (Die regional auflagenstärkste Zeitung mit einer Auflage von über 14000 Exemplaren): Anstatt, dass man sich mit einem klaren regionalen Angebot öffnet, sind die unansehnlichen Artikel meist auch nur kostenpflichtig zu haben. Eine Schande.

  4. Ich kann der Beobachtung ‘Quantität vor Qualität’ bei den online-Nachrichten hierzulande leider auch nur zustimmen. Spätestens beim morgendlichen Abrufen meiner eMails auf der Seite des Anbieters werde ich von Agenturmeldungen, von denen die allerwenigsten überhaupt etwas aussagen, geradezu überschwemmt. Auch der Besuch einer ‘wirklichen’ Nachrichtsseite hilft oft nicht weiter. Mr. Kottke hat gestern dazu einen interesssanten Kurzeintrag veröffentlicht.

    Den Mehraufwand, den echte Recherche und Aufbereitung von Nachrichten verursachen, sollte man darüber hinaus nicht überschätzen. Deswegen werden solche dezidierten Reportagen wohl auch bei der NYT noch längere zeit die Ausnahme zur Regel bleiben. Zitat von Khoi Vinh zur China-Sonderseite:

    “But this time, thanks to extra foresight on the part of our editors, we were able to set aside the time to cook up what you see at NYTimes.com/China, and I’m extremely proud of what was accomplished. I should clarify: we were able to set aside time beforehand and start discussing what could be done. But even with a major series like this, the lion’s share of meaningful work happens in the last few days leading up to publication when the final journalistic decisions are made — that’s the way the news industry works. And to be sure, everyone put in their share of extra hours to get this done.”

    Das Beispiel von ljworld.com wird wohl ebenfalls ein Einzelfall bleiben, zumindest bis jemand ähnliche Voraussetzungen (genügend Budget, Bereitschaft zum Risiko, ausreichend Inhalte, vielleicht sogar ein Medienmonopol wie in Lawrence, etc. etc.) vorfindet bzw. schaffen kann.

    (Links und Zitat korrigiert — Eric)

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