Juhuu, es ist mal wieder Auf-Microsoft-Eindresch-Zeit. Verschiedene Webentwickler gerade aus der so genannten Standards-Szene machen ihre Webseiten (zumindest temporär) für IE6-Nutzer unzugänglich.

Und es ist meine Schuld. Zumindest ein wenig.

Bereits auf dem Barcamp Hannover hatte ich angemerkt, dass man doch seien privaten Seiten durch einen der proprietären Microsoft-Filter ein Statement für Browser abgeben könnte, deren Hersteller sich die Spezifikationen richtig durchgelesen haben.

Nur um einmal zu schauen, ob das funktioniert, hatte ich den Code hier eingebaut und einen Screenshot gemacht. Das war am 28. Februar am späten Morgen. Nun liegt die IE6-Rate auf dieser Seite sowieso schon auf einem außerordentlich geringem Niveau, so dass ich einfach einmal schauen wollte ob einer der letzten IE6-Surfer sich aufgrund der fehlerhaften Darstellung melden würde1, und lies den Code deshalb bis zum Abend in der Webseite stehen.

1 Es meldete sich niemand.

Nur zum Vergleich: Über 50% aller Besucher (in den letzten 72 Stunden) haben einen Firefox, davon fast 100% eine der letzten beiden Versionen. Mit dem IE sind noch 30% unterwegs, 16% (von allen Browsern) mit dem IE7 und 13% mit dem IE6. Die restlichen 20% sind tatsächlich Nischenbrowser wie Safari (7%), Mozilla (4%), Opera (3%).

Gründe, keinen Browser auszusperren, auch den IE6 nicht:

  • Barrierefreiheit: Ja, ich weiß: Barrierefreiheit hat nichts mit den technischen Gegebenheiten zu tun. Nur weil eine Webseite auf einem Handy funktioniert heißt das noch lange nicht, dass sie barrierefrei ist. Aber ich kann nicht gleichzeitig versuchen meine Seite für einen verschwindend geringen Anteil von JAWS -NutzerInnen benutzbar zu machen, und gleichzeitig 13% meiner Leser auzusperren.
  • Kollateralschäden: Wenn man davon ausgeht, dass die meisten IE6-Benutzer in eine der folgenden Gruppen gehören, dann trifft es hauptsächlich unschuldige:
    • IE6 ist einziger Browser im Unternehmen (z.B., weil das teure Intranet nur damit funktioniert)
    • IE6 ist der einzige Browser, der auf dem PC ist und der Benutzer hat nicht die Kenntnisse sich einen Firefox herunter zu laden (Ich denke da an Windows 98/2000-Nutzer)
    • Der IE6 ist der Lieblingsbrowser und so was modernes wie Tabs braucht man doch eh nicht.
  • Erziehung: Ist es der Job von uns Webentwicklern den Menschen vorschreiben zu müssen mit welchen Endgeräten sie unsere Seite zu nutzen haben? Hallo „Optimiert für den Netscape Navigator Version 4 und eine Auflösung von 800×600 Pixeln“-Banner.

Die Meisten Nutzer haben doch keine Ahnung, wie so ein Browser funktioniert und was der so macht. Und das müssen sie auch nicht.

Das Web hat sich geändert. Die Nutzer schreiben uns vor, wo Webseiten funktionieren müssen: Überall. Natürlich würden wir alle gerne dem IE6 nur ein simplifiziertes Layout mitgeben, bzw. die eine oder andere hässliche Stelle einfach hässlich sein lassen. Die Optimierung eines Layouts für den IE6 ist immer zusätzliche Arbeit, teilweise in richtig großem Umfang. Zahlen müssen das natürlich die Kunden, die Webseiten herstellen lassen.

Hier auf dieser Seite kann ich mir Darstellungsfehler im IE6 lesten. Das ist in Ordnung. Die Inhalte sind da und können gelesen werden. Als privater Anbieter kann ich diesen Cut machen und sagen: „Meine Inhalte sind da, aber auf eine optimierte Version könnt ihr lange warten“.

Eines der größten Probleme beim umsetzen dieser Graceful-Degradation-Strategie ist, dass die Browserumsetzung so oft der letzte Webdesign-Schritt ist. Erst dann wird gefragt, ob das fertige Design überhaupt machbar ist. Das ist in der Tat ein Problem und wird sich vielleicht irgendwann durch Lobbyarbeit oder einfach gute Browser mit Standards wie CSS3 usw. von selbst gelöst haben.

Für den Moment gibt es drei Browsergruppen, für die entwickelt werden darf und muss und deren Nutzer auf jeden Fall an die Inhalte kommen müssen. Das sind standardkonforme Browser (Firefox, Safari, Opera), IE7 und IE6. Und bei letzterem gilt (für meine privaten Seiten): Inhalte: ja; perfektes Layout: nein.

10 Gedanken zu „Die Daten sind frei!

  1. Ich habe ja schon bei den “Nacharmern” geschrieben, was ich davon halte. Ist schon wahnsinn, wie extrem, ja schon fast fanatisch einige Leute dieses Experiement aufgefasst haben und semtliche logischen Aspekte, wie die, die du unter “Kollateralschäden” aufgezeigt hast, vergaßen trotz der Professionalität, die unbestreitbar ist.

    Dein Fazit finde ich daher sehr erleichternd. Hoffentlich springen auch hier wieder einige auf den Zug auf und entschärfen die Sache wieder etwas. Mit Vorbildern bin ich zumindest vorsichtiger geworden, da die eine oder andere Reaktion echt enttäuscht war :D

    Max

  2. ich hab auch noch ein ä für dich :-)

    also das mit JAWS bitte ich doch mal zu erläutern.

    Warum “funktioniert” deine Seite nicht für alle anderen, wenn Du sie für einen screenreader zugänglich machst ?

  3. Das hast du falsch verstanden: Ich mache meine Seite für Screenreader barrierefrei, weil das eben dazu gehört. Mit einer Aktion wie sie Christian aber z.B. (ge)macht (hat), würde ich 13% meiner Besucher aussperren. Da kann man sich schon fragen, weshalb man das tut.

  4. Dann schreib das doch bitte auch so:
    Wer den IE(6) aussperrt, sperrt auch automatisch Screenreadernutzer aus, da diese zu 99% auf den IE aufbauen.

    Aber (und ab hier ist das Kaffeesatzleserei) sicher ist die Menge der Sehbehinderten und letztendlich auch ONUs nicht zu unterschätzen. Und die benutzen in aller Regel das, was an Bord ist. Also “Internet” :-)

  5. Nein, genauso war es nicht gemeint. Ich denke (einen tatsächlichen Nachweis dafür habe ich aber nicht), dass die Ausgabe auf die MSAA-Schnittstelle, die ja Screenreader auslesen, sich durch diesen visuellen Trick nicht ändern.

    Die beiden Maßnahmen haben nichts miteinander zu tun.

    Ich optimiere aber für ein paar wenige Screenreader-Nutzer. Weil man das so macht. Das gehört sich so. Das steht im Krassen Widerspruch eine andere Benutzergruppe auszuschließen, nämlich die Internet-Explorer-6-Nutzer.

  6. Ich finde es gut, dass das “Zugpferd”, zu dem du ja nun irgendwie gemacht wurdest, nun auch was dazu sagt. Merci danke von mir.

  7. Die meisten Aspekte der gesamten Problematik, die Du in Deinem Artikel auch wieder aufgreifst, dürften in den einschlägigen Kreisen bekannt sein. Die Frage ist, ob es sinnvoll wäre den Benutzer auf der “anderen Seite des Bildschirms” darüber aufzuklären.

    Ich bin der Meinung, dass es nichts mit Bevormundung zu tun hat, wenn man den Versuch unternimmt in unfanatischer Weise über die Vorteile eines Browserupgrades aufzuklären.

    Wie ich mir das vorstelle habe ich ansatzweise in meinem Artikel “Browser Upgrade Initiative” zusammengefasst.

    Ich denke es wäre an der Zeit, dieses immer wieder aufkeimende Thema in sinnvoller Weise zu kanalisieren.

  8. Ich freue mich, dass ich mit meinem Artikel auf macx.de (Ignoriert den Internet Explorer) mal eine Anregung geben konnte, sich mal Gedanken zu machen, wie wir mit dem IE umgehen.
    Alle Branchen machen es vor und unterstützen alte Versionen vom Computern, Hardware oder was auch immer nicht mehr. Nur wir Webentwickler kneifen, optimieren und spielen allen eine schöne heile Welt vor. Da sollte sich was ändern.
    Was ich in meinem Artikel vom 26. Februar nicht forderte sind radikale Schritte, die contra-Zugänglichkeit gehen. Ich habe da eher an die Deaktivierung von CSS gedacht. Die Seite bleibt benutzbar, sieht aber anders aus.

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