Heinz Wittenbrink hat ein „vorsichtiges Plädoyer für eine Doppelstrategie“ zum Posten von Beiträgen auf Medium und einem eigenen Blog veröffentlicht. Darin geht es auf der einen Seite um „SEO“ (¯_(ツ)_/¯) und zum anderem darum ob es überhaupt sinnvoll ist noch auf seinem eigenen Blog zu publizieren:

Wie sinnvoll ist es, dieselben Texte bei Medium und im eigenen Blog zu publizieren? Seit ich Medium kenne, frage ich mich, ob ich nicht mit meinem eigenen Blog überhaupt aufhören soll.

Aus der Sicht der Nutzer ist Medium fast jedem Blog überlegen. Das Design ist besser, man muss sich nicht mit einer unübersichtlichen Navigation herumschlagen. Wenn man die wenigen Konventionen verstanden hat, kann man sich auf die Texte und Medien konzentrieren und wird nicht von einer mehr oder weniger aufdringlichen „persönlichen Note“ abgelenkt.

Die Prämisse, dass Medium Blogs überlegen ist, teile ich nicht. Viele Blogs sind schön und aufgeräumt gestaltet, und selbst wenn man das Design von Medium als das Nonplusultra ansieht, dann ist eine gute Typo schnell auch auf das eigene Blog übertragen. Es gibt dutzende fertige Themes (kleiner Auszug). Zudem finde ich die persönliche Note wichtig bei Blogs, ich lese die Texte ja wegen den Menschen, die sie schreiben. Blogs sind etwas vertrautes und die persönliche Note in Blogs wegzunehmen wäre für mich wie den Schreibstil des Autors zu vereinheitlichen.

Das Vereinheitlichen von Design und Bildsprache läuft für mich auf eine Entindividualisierung der Texte hinaus. Der Fakt, dass der Helligkeitskontrast des Autornamens mit 2.1 nahezu unsichtbar ist (er sollte 4.5 betragen um lesbar zu sein) spricht ebenfalls dafür. Inhalte werden Medium zugeschrieben, es macht sich diese Inhalte visuell zu eigen.

(Einschub: Für mich steht das nicht im Kontrast dazu, dass ich die meisten Texte im Feedreader lese. Bei gut gestalteten Angeboten besuche ich die Website, wenn mich der Text interessiert und lese dort weiter.)

Das ist aber nicht das eigentliche Problem. Publishing-Plattformen erscheinen und gehen schnell. Man sieht am Beispiel Vox, Posterous oder Geocities wie schnell es gehen kann. Die eigenen Inhalte sind weg oder mit viel Glück unter einer anderen URL auffindbar. Jeremy Keith stellt die Probematiken sehr übersichtlich in diesem Vortrag dar.

Jeremy Keith – Beyond Tellerrand – beyond tellerrand 2013

I am very happy that Jeremy agreed to open this years beyond tellerrand with a great talk. In this talk Jeremy took a look beyond the edge of the plate.

Ich sehe durchaus den Wert von Medium als Weg Leser zu erreichen, was legitim ist, und daher ist es natürlich auch völlig in Ordnung seine Texte dort zu duplizieren. Dies muss aber so geschehen, dass es klar ersichtlich ist, welches das Original ist. In der Indieweb-Community wird dies POSSE genannt: „Publish on your Own Site, Syndicate Elsewhere“ (etwa: „Auf der eigenen Seite publizieren woanders einstellen“). Damit dies ordentlich gelingt benötigt die Medium-Variante einen Link auf den „richtigen“ Blogpost, am Besten mit einem rel="canonical"-Attribut.

Was mich allerdings auch bei Medium stört ist die mangelnde Barrierefreiheit (z.B. unbeschriftete Buttons, mangelnde Kontraste). Zudem habe ich noch nicht herausgefunden wie ich meine Freunde per RSS-Feed abonniere. Ist aber auch nicht so schlimm. Den Artikel von Heinz habe ich über den RSS-Feed seines Blogs gefunden, der Mediumlink wäre längst in den Untiefen meiner Twitter- und Facebook-Timeline verschwunden.

7 Gedanken zu „Medium vs. Blog: Ein Plädoyer für’s eigene Blog

  1. Lieber Eric,

    danke für dein Post! Nur als erste Reaktion: Ich hoffe, ich habe deutlich genug gesagt, dass ich nicht den Verzicht auf das eigene Blog predige. Ich habe nur versucht, die Idee des eigenen Blogs in Frage zu stellen. Ich sehe Medium auch nicht als Ersatz für ein Blog – ich glaube eher, dass es etwas Eigenes ist oder wird, so wie die Tumblelogs oder Twitter/das Microbloggen. Auf die Problematik der zentralisierten Plattformen bin ich absichtlich nicht eingegangen, weil das ein eigenes Thema ist. Bevor ich das Post geschrieben habe, ist mir durch den Kopf gegangen, dass diese zentralisierten Plattformen die dezentralen Publikationformen vielleicht so aufsaugen wie die barocke Hofkunst die humanistischen Formen. (Sorry wegen des Bildungsbürgervergleichs!). Ich hoffe, dass es anders kommt. Ich antworte noch mal ausführlicher!

    Herzlich

    Heinz

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