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Duell schweigsamer Herren

(das Interview erschien in der „Sonntag Aktuell“ vom 17. April 2005)

Snooker – eine Art Billard mit größerem Tisch und kleineren Kugeln – ist auf dem Sprung vom Geheimtipp zum populären Fernsehsport: Die zahl der Fans wird immer größer. Wie gebannt sitzen sie vor dem Fernseher und schalten nicht ab, ehe die letzte Kugel gefallen ist. Ein Gespräch mit Rolf Kalb, dem deutschen Fachkommentator beim Snookersender Eurosport.

Herr Kalb, wie viele Leute schauen eigentlich zu, wenn Eurosport Snooker überträgt?
In Deutschland im Durchschnitt mehrere hunderttausend. Wenn es in die Finals geht auch mal eine Million. In ganz Europa 1,5 bis drei Millionen.

Das bedeutet, dass die Deutschen besonders gerne Snooker schauen?
Ja, das liegt aber auch daran, dass wir in Deutschlandfast alle Haushalte erreichen. Das ist nicht überall in Europa so.

Wie sieht das im Snooker-Mutterland England aus?
Die BBC erreicht Durchschnittswerte von vier Millionen Zuschauern. Attraktive Finals werden von bis zu acht Millionen Menschen gesehen. Und den Zuschauerrekord einer BBC-Sportübertragung hält kein Fußball- oder Rugbymatch, sondern eine Snookerpartie: Beim WB-Finale 1985 zwischen Dennis Taylor und Steve Davis, das mit der letzten schwarzen Kugel entschieden wurde, saßen nachts um halb eins 18,5 Millionen Menschen vor ihren Fernsehern.

Hat Snooker bei Eurosport in den letzten Jahren mehr Sendezeit bekommen?
Deutlich mehr. Die laufende Saison ist die zweite, die wir komplett begleiten. Wir übertragen jedes Turnier der Main Tour, also der höchstdotierten Serie der Profis.

Wie kam Snooker zu mehr Sendezeit?
Das hat in erster Linie mit Übertragungsrechten zu tun. Wir hatten schon bei der WM 2000 positive Erfahrungen gemacht, konnten aber erst ab 2003 so richtig einsteigen. In jener Saison stiegen die Zuschauerzahlen mit jedem Turnier, und der positive Trend setzt sich bis heute fort. Momentan ist Eurosport der Sender mit dem umfangreichsten Snooker-Angebot weltweit.

Wie kamen Sie als Kommentator zum Snooker?
Ich habe mich schon vor meiner Zeit bei Eurosport als Journalist mit Billard und Snooker beschäftigt, habe auch für den Verband, die Deutsche Billard-Union, gearbeitet. Zu Eurosport bin ich 1989 gekommen, als das deutschsprachige Programm aufgebaut wurde. Unter anderem hatten wir recht bald auch Snooker im Programm.

Aber in der Regel nur spätnachts.
Ja, sehr häufig erst ab Mitternacht oder noch später. Da war ich das Sandmännchen des Senders.

Haben Sie sich selbst schon mal im Snooker versucht?
Um ehrlich zu sein: Wenn überhaupt, dann habe ich zu diesem Sport nur als Kommentator etwas beizutragen. Natürlich habe ich schon gelegentlich ein Queue in der Hand gehabt, aber… na ja… (lacht).

Was macht Snooker eigentlich zum Fernsehsport, der Millonen Zuschauer stungenlang fesselt?
Wenn man sich anschaut, was sonst noch so populär ist, gibt es dafür eigentlich keine Erklärung: Was wir sehen ist ein Spiel zweier schweigsamer Männer, von denen immer nur einer etwas tut, während der andere regungslos wartet. Wir haben eine ruhige Bildersprache, eine konzentrierte Atmosphäre. Aber vielleicht liegt genau hierin das Geheimnis: In einer lauten und schrillen Fernsehwelt erfüllt Snooker möglicherweise ein Bedürfnis nach Konzentration, vielleicht auch nach einer Spannung, die sich langsam aufbaut. Wenn man sich als Zuschauer darauf einlässt und die Regeln kennt, sieht man außerdem, wie spannend und vertrackt dieser Sport sein kann.

Wo Sie die Spieler gerade ansprechen: Kennen Sie die wichtigsten Akteure persönlich? Kennen die Spieler Sie?
Die Snooker-Szene ist überschaubar, deshalb kennt man sich auch. Den einen besser, den anderen weniger. Während der Turniere gibt es immer wieder Gelegenherit für ein kurzes Gespräch. Einen Spieler, der sich auf sein kommendes Match vorbereitet, spricht man allerdings nicht an. Das ist ein Gebot der Fairnessund der Höflichkeit.

Sind da Spielertypen dabei, mit denen man auch mal ein Bierchen trinken könnte?
Durchaus, ich würde sogar sagen: mit den meisten.

Gibt es auf der anderen Seite Spieler, die schwierig im Umgang sind?
Die gibt es auch. Meist sind es Typen, die stärker in sich gekehrt sind. Stephen Hendry war früher so. Ronnie O’Sullivan bleibt auch lieber auf Distanz.

Apropos O’Sullivan. Ist er Ihr Favorit für die Weltmeisterschaft in Sheffield, die gestern begonnen hat?
Er ist einer der begabtesten Spieler und derzeit sehr beständig. Und er ist einer der ganz seltenen Typen, die noch ein Schippchen drauflegen können, wenn sie unter Druck stehen. Ist Ronnie O’Sullivan zur WM in Bestform, wird er schwer zu schlagen sein.

Und nach der Weltmeisterschaft macht Snooker eine lange Pause bis Oktober. Haben Sie den Fans einen Tipp für die Snooker-lose Zeit?
So einen richtigen Trost habe ich nicht bereit, außer dass es ja noch andere Sportarten im Fernsehen gibt. Aber ich kann vorsichtig Hoffnung machen: der Snooker-Weltverband denkt darüber nach, die Sommerpause zu verkürzen. Eventuell wird schon im Sommer 2006 fast durchgespielt.

Das Gespräch führte Jochen Fischer.

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