Am 20.08.2015 sind die Webkrauts, der lose Verbund von Webentwicklern, 10 Jahre alt geworden. Jens Grochtdreis feiert mit einem Rückblick im Webkrauts-eigenen Blog.

Damals waren Tabellenlayouts noch normal, heute haben wir überladene CSS-Frameworks. Webseiten haben heutzutage riesige Bilder während es 2005 noch ein Sakrileg war wenn eine Seite breiter als 800px war. Und natürlich war Responsive Web Design noch lange kein Begriff.

Es bleiben weitere Herausforderungen. Auf die nächsten 10 Jahre!

Ja, die Weihnachtszeit rückt immer näher (außer in den Geschäften, da ist die schon seit Ostern) und auch die Webkrauts haben euch etwas mitgebracht beziehungsweise werden euch reich beschenken:

24 Artikel zu den Themen rund um Content Management Systeme und Webstandards, Usability oder Mikroformate werden präsentiert. Zahlreiche hochdekorierte und bekannte Autoren wurden gewonnen.

Als Redaktionsmitglied weiß ich, dass viel Schweiß und die eine oder andere lange Nacht hinter dem Adventskalender steckt und hoffe, dass ihn entsprechend viele Leute lesen und verlinken.

Auch die Kollegen von 24ways werden wieder mit ihrem Adventskalender in englischer Sprache auftrumpfen.

Und wer sich auf den Adventskalender einstimmen will, dem seien die Kalender der letzten beiden Jahre, 2004 und 2005, ans Herz gelegt.

Im letzten Jahr erschienen im Rahmen des Adventskalenders meine beiden Artikel Die Kaskade und Ein Standard-Design. Da ich für beide Artikel damals gute Kritiken bekommen habe und weil der Artikelbestand in diesem Jahr ein wenig knapp war habe ich mich an einem weiteren Artikel versucht. Falls er durch die Qualitätskontrolle kommt findet ihr ihn auch im Adventskalender.

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Zuerst möchte ich feststellen, dass der Stil des Artikels niemandem gefallen muss. Auch die Überschrit, „Weshalb die Webkrauts scheitern.“ ist provokant gewählt, das ist aber bei provokanten Texten des öfteren der Fall.

Weshalb ich meine Kritik nicht intern geäußert habe ist einfach zu begründen:

Erstens ist die Gefahr groß, dass solche Themen mit dem Argument „Wir tun ja schon, was wir können. Basta.“ abgespeist werden.

Zweitens gab es immer wieder den Versuch diese wichtigen Themen anzusprechen. Es entwickelte sich eine Endlosdiskussion. Immer.

Drittens sind die Webkrauts eine öffentliche Organisation. Meiner Meinung nach zeugt es von Offenheit und Transparenz auch Meinungsverschiedenheiten öffentlich auszutragen.

Viertens ist das eine einmalige Gelegenheit sich Anregungen von außen zu holen, von Menschen, die nicht in der Webkrauts-Starre gefangen sind.

Dass bedeutet nicht, dass alle mit meinen Meinungen d’accord gehen müssen. Beileibe nicht. Nun aber zum eigentlichen Thema des Posts, weshalb die Webkrauts trotz ihrer Probleme nicht scheitern werden:

Die Webkrauts sind ein offener Verbund. Das bedeutet, dass die Organisation nicht im Vordergrund steht, sondern jeder einzelne Mensch. Da steckt die Chance der Krauts, dieses Potential müssen wir nutzen. Die Webkrauts vereint die klügsten Köpfe der deutschsprachigen Webstandardsszene. Alleine die Möglichkeit auf dieses Wissen und diese Erfahrung zurückgreifen zu können spricht für einen Erhalt der Webkrauts, auch über längere Zeit.

Die Krauts sind kritikfähig, es fehlt nur an einer klaren Struktur. Der nächste Schritt wird sein die „Gruppen“ wieder zu beleben: Dokumentenstruktur, Präsentation, Barrierefreiheit usw.

Diese müssen sich selbst eine Agenda auferlegen, einen Fahrplan, was man die nächsten zwölf Monate plant und diesen bis zum Jahresende einreichen. Das bindet an die Vorhaben und bildet eine verlässliche Quelle, an der sich die Leute orientieren können, die nicht in das tägliche, wöchentliche oder monatliche Arbeiten eingebunden sind.

Was diese Verteilung bringt: Die Belastung des Zentralkomitees wird verringert. Die Gruppen sind sich selbst verpflichtet. Die Ressourcen des Komitees werden woanders dringender gebraucht, bei der gruppenübergreifenden Organisation. Jede Gruppe sollte ein Mitglied des Zentralkomitees als Ansprechperson haben.

Nur weil Jens Grochtdreis im Impressum der Webseite steht ist er nicht der Haupt- und erstrecht nicht der Alleinverantwortliche, was den redaktionellen Aufwand angeht.

Momentan organisiert er, liest gegen und segnet ab, ist quasi Exekutive, Legislative und Judikative gleichzeitig – und alles andere als glücklich damit.

Jetzt ist das alles ja nichts neues, die Gruppen gibt es schon seit einem Jahr, auch das Metablog war bereits angedacht. Allein an der Umsetzung fehlt es.

Die Motivation und der Wille der einzelnen Mitglieder ist da. Zumindest von vielen. Die Organisation der Webkrauts muss diese Stärken nun zu bündeln versuchen anstatt sie wie bisher eher zu hemmen.

Wenn selbst die unermüdliche Manuela Hoffmann folgendes schreibt, zeigt das, dass es einfach keinen wirklichen Spaß macht für die Webkrauts zu arbeiten.

Ich habe nach anfänglichem Engagement immer wieder eine Art »Spassbremse« erfahren, weil alles zu perfekt, zu oft diskutiert werden musste. Manuela Hoffmann in den Kommentaren zum Artikel „Weshalb die Webkrauts scheitern.“

Aber das muss, soll und darf nicht so bleiben und viele gute Leute arbeiten daran, dass der Spaß wieder zurück zu den Webkrauts kommt.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das funktioniert. Ich bin mir sicher, dass die Webkrauts erfolgreich sind und nicht scheitern müssen. Ich weiß, dass viele Menschen bereit sind für die Krauts zu arbeiten. Das ist gut.


Mangelnde Partizipation

Von den 72 Mitgliedern der Webkrauts sind die meisten inaktiv, zumindest für das Bündnis. Dies resultiert unter anderem daraus, dass die Anmeldung für die Krauts offen war und dadurch einfach eine Unmenge an Mitgliedern aufgenommen wurden. Teilweise wurden Leute, die Ihren Beitritt mit „Webstandards haben mich schon immer interessiert.“ begründet.

Das ist zwar eine breite Basis, aber es geschieht kaum etwas produktives, zumindest nicht dauerhaft. Seit dem fünften April, also in knapp sieben Monaten gibt es ganze zehn Einträge und Artikel auf der Webseite. Das wäre nicht annähernd so schlimm, wenn auf anderen Ebenen die Idee des freien, allgemeinen und gleichen Webs verbreitet würde.

Beispielsweise wäre das gezielte Zusammenarbeiten mit Firmen eine der Hauptaufgaben der Organisation. Doch wenn man sich mit den Worten „Die Webkrauts sind ein loser Verband von Webdesignern“ vorstellt hat man kaum eine Chance auf Gehör. Das habe ich mit dem Recode des Focus schmerzlich erleben müssen.

Orientierungslosigkeit

Hier muss sich einiges ändern. Die Webkrauts müssen ein Synonym für modernes Webdesign werden, sie haben ansonsten keine Überlebenschance. Wenn die Veröffentlichung eines Artikels an hohe Anforderungen gebunden ist und lange dauert ist dass ineffizient.

Die Webkrauts versuchten lose, kleine Bündnisse von Webdesignern genauso zu bedienen wie als Informationsplattform zu dienen. Dies sind zwei nahezu unvereinbare Dinge. Wichtig wäre nun eine klare Linie zu definieren. Wäre ein Wiki, das Fachbegriffe und Vorgehensweisen sammelt und von jedem (!) schnell und unbürokratisch bearbeitet werden kann, nicht eine zentrale Informationsquelle, die viele Designer suchen.

Wäre eine offene Plattform nicht der richtige Weg um Leben in die Seite zu bringen? Brauchen wir ein „Mission Statement“, das viel verspricht und wenig hält?

Es wurde sich aktiv gegen die Vereinsform ausgesprochen, auch um Flexibel zu bleiben. Davon übrig geblieben ist ein Zentralkomitee, das aber beruflich voll in Arbeit steckt, was natürlich gut für die Betreffenden aber nicht für die Organisation ist.

An dieser Stelle möchte ich nochmals betonen, dass das keine Kritik an Jens Grochtdreis oder anderen Mitgliedern des Komitees ist. Sie haben getan, was sie für richtig hielten, aber es ist Zeit die Organisation der Organisation zu überdenken.

Zukunft

Das heißt ja nicht, dass nichts passiert. Der Adventskalender ist in der Organisation, es wird wohl einen relativ großen Vorlauf dieses Jahr geben, was natürlich auch den Druck ein wenig verringert. Ich selbst werde in diesem Jahr nichts zu diesem Projekt beitragen, meine beiden Beiträge vom letzten Jahr waren in Ordnung, doch es ist Zeit, dass sich mehr Krauts einbringen.

Vielleicht sollte man aus den Webkrauts doch eine offizielle Organisation machen, zumindest aber die Mitgliederbasis verschlanken und darauf achten qualitativ hochwertige Mitglieder aufzunehmen. Eine Erwähnung auf der Webseite der Webkrauts sollte eine Auszeichnung sein und für gutes Webdesign stehen.

Es braucht offene Strukturen im Webkrautsblog, es geht nicht an, dass ein Bericht über die Markteinführung des IE7 mehrere Wochen auf sich warten lässt, weil die Webkrauts am eigenen Anspruch scheitern. Wir brauchen keine ausgefeilten Artikel um Webstandards anderen Leuten näher zu bringen. Wir benötigen kurze, prägnante Texte, die auch emotional sein dürfen (meiner Meinung nach müssen), die Webdesigner, -entwickler und Führungskräfte gleichermaßen ansprechen können. Das direkte Zusammenarbeiten mit Firmen und die Vorstellung von „guten“ Seiten auf der Webseite. Sonst wird die Idee der Webkrauts in Deutschland scheitern.

Momentan arbeite ich an einem Metablog, also an einer zentralen Anlaufstelle für Texte von Mitgliedern. Ich überlege mir nach diesem Projekt die Webkrauts zu verlassen, da es doch immer wieder destruktive Stimmen gibt, die Ideen anderer dann kritisieren wenn sie mitten in der Umsetzung sind. Die Idee eines Metablogs gibt es seit dem Beginn der Webkrauts vor über einem Jahr. Jetzt an der Methode der Umsetzung zu kritisieren finde ich krass und kann ich eigentlich nicht akzeptieren. Es gibt Menschen, denen dieses ganze Einsetzen für Standards viel bedeutet. Mir gefällt es mich für Standards stark zu machen, aber wenn das bedeutet, dass die Webkrauts diesen Prozess eher verhindern statt fördern, dann wäre es unehrlich Mitglied dort zu bleiben.

Fazit

Es liegt an den Webkrauts sich einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Dieser Artikel soll Anstoß dazu geben, gleichzeitig mögliche Lösungen aufzeigen. Langfristig muss die Partizipation an, die Offenheit von und die Aufmerksamkeit an den Webkrauts erhöht werden. Alles andere läuft auf ein Scheitern hinaus.